Geislingen Aslanboga kämpft für Frauenrechte

„Halbe Sachen mag ich nicht“, sagt Sevgi Aslanboga, die seit ihrem ersten Lebensjahr in Geislingen lebt und zahlreiche Ehrenämter ausübt. Ihre Selbstständigkeit verdankt sie ihren Eltern und ihr Durchhaltevermögen unter anderem ihrem Mann.
„Halbe Sachen mag ich nicht“, sagt Sevgi Aslanboga, die seit ihrem ersten Lebensjahr in Geislingen lebt und zahlreiche Ehrenämter ausübt. Ihre Selbstständigkeit verdankt sie ihren Eltern und ihr Durchhaltevermögen unter anderem ihrem Mann. © Foto: Rainer Lauschke
Geislingen / Isabelle Jahn 02.11.2018
Sevgi Aslanboga schnauft selten durch. Die gebürtige Türkin engagiert sich in Vereinen, unter anderem für Frauenrechte mit dem Ziel der Gerechtigkeit.

Wer sie telefonisch erreichen will, stellt schnell fest: Sevgi Aslanboga bekommt man nicht so leicht an den Hörer. Die freie Zeit, die der 42-Jährigen neben ihrem Beruf als Erzieherin und ihren Aufgaben als Mutter von drei Kindern bleibt, investiert sie in viele ehrenamtliche Aktivitäten. Ob als Vereinsvorsitzende oder als Schöffin bei Gericht – in der Regel geht es dabei nicht nur um sie.

Glücklich über zwei Heimaten

„Für mich steht immer der Mensch im Vordergrund“, sagt Aslanboga. Sie ist Alevitin, ordnet sich aber keiner Religion zu, denn sie ist nicht religiös aufgewachsen. „Wir haben uns von überall die besten Werte herausgepickt.“ Und auf die Frage, ob sie sich eher als Türkin oder als Deutsche sieht, antwortet Aslanboga: „Ich kann mich glücklich schätzen, weil ich zwei Heimaten habe.“ Sie serviert türkisches Gebäck mit Tee aus traditionell verzierten Gläsern und im Dezember steht im Wohnzimmer ein geschmückter Baum, unter dem Geschenke liegen.

Seit ihrem ersten Lebensjahr lebt Aslanboga in Geislingen, ihre Eltern kamen als Gastarbeiter und taten sich schwer mit der deutschen Sprache, erzählt die Tochter. Sie jedoch lernte durch den Kontakt mit deutschen Kindern im Kindergarten und in der Schule sowie in der Freizeit schnell. Sie fühlte sich zugehörig, sagt die 42-Jährige, die in der Hinteren Siedlung aufgewachsen ist.

Dankbar und glücklich

So sei es für sie auch selbstverständlich gewesen, als Mädchen draußen zu spielen und mit ins Schullandheim zu fahren – wohingegen ihre türkischen Mitschülerinnen meist nicht dabei gewesen seien. Heute sei es nicht mehr so gravierend, weiß Aslanboga, deren Tochter Lorin 15 Jahre alt ist.

Die Dankbarkeit ist hörbar, wenn Aslanboga mit sanfter Stimme vom Vertrauen erzählt, das ihre Eltern ihr entgegenbrachten und davon, wie diese sie zur selbstständigen Frau erzogen. „Heimlichkeiten gab es nicht“, sagt die dreifache Mutter.

Das Vertrauen schätzt sie auch heute noch an ihren damaligen Lehrern, die sie besonders gefördert und motiviert haben: „Ich wusste, dass ich besser werden kann.“ Von der Hauptschule schaffte es Aslanboga, die als Schülerin in der SMV mitwirkte, bis zur mittleren Reife und zur ausgebildeten Erzieherin.

Bündnis gegen Rassismus

Ihre drei älteren Brüder bezogen sie mit ein und gaben ihr Mut. Sie nahmen ihre siebenjährige Schwester damals mit zu Veranstaltungen von Genclik. Den Sport- und Kulturverein, in dem sie als jüngstes Mitglied in der Folklore-Gruppe tanzte, führt Aslanboga seit mehr als 15 Jahren als Vorsitzende an. Vermittlung innerhalb der türkischen Kultur, aber auch Brücken bauen zu anderen Vereinen und Institutionen in Geislingen – das zählt die Vereins-Chefin zu ihren Aufgaben.

Genclik initiierte jüngst auch das Geislinger Bündnis gegen Rassismus, das Anfang Oktober eine Kundgebung gegen Rechtsextremismus in Geislingen veranstaltete. „Wir mischen uns ein, das war uns immer wichtig“, spricht Aslanboga für sich und ihren Verein.

Frauen aus Isolation herausholen

Mit Leidenschaft spricht sie über die Arbeit des Migrantinnenvereins, den es seit 2005 gibt, bisher als Gruppe „Bund der Migrantinnen“. Die Mitglieder, hauptsächlich Frauen aus der Türkei, verfolgen das Ziel, Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu Aktivität zu bewegen und deren Selbstbewusstsein zu stärken. „Wir wollen Frauen aus der Isolation, in der sich viele befinden, herausholen“, erklärt Aslanboga und fügt hinzu: „Jede Frau sollte auf eigenen Beinen stehen und unabhängig sein.“

Der Verein organisiert zum Beispiel Vorträge, ein regelmäßiges Frauenfrühstück zum Austausch und beteiligt sich an Kundgebungen mit dem Fokus auf Frauenrechte. „Wenn einem etwas nicht passt, muss man es selbst in die Hand nehmen“, sagt Aslanboga.

Zehn Jahre Schöffin bei Gericht

Gerechtigkeit – für die kämpft Sevgi Aslanboga, deren Nachname sich aus den türkischen Worten für Löwe und Stier zusammensetzt. Dieser Sinn leitete sie auch zu ihrer Funktion als Schöffin beim Geislinger Amtsgericht, die sie seit zehn Jahren erfüllt. Diese Aufgabe will die 42-Jährige jedoch abgeben: „Ich muss Abstriche machen, denn halbe Sachen mag ich nicht.“ Das fällt ihr schwer, aber sie tut es – auch ihrem Mann Yaser zuliebe, mit dem sie seit 20 Jahren verheiratet ist. Der unterstütze sie, wünsche sich aber mehr Zeit mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern. Bei ihrem Jüngsten, dem sechsjährigen Candogan, strahlen die Augen, wenn Mama daheim ist – und das Telefon einfach mal klingeln lässt.

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