Versilbertes Besteck war neben Kochgeschirr über viele Jahrzehnte das wesentliche Produkt-Standbein der WMF, es wurde zum Aushängeschild und Imageträger des traditionsreichen deutschen Markenherstellers. Alle Bestecke werden seit einigen Jahren im WMF-Werk im chinesischen Heshan gefertigt. Der erst vor wenigen Jahren am Standort Geislingen modernisierten Galvanik zur Versilberung von Besteck (und anderen Metallgegenständen) droht nun ebenfalls das Aus.

Zu Zeiten des Firmengründers Daniel Straub (1815 - 1889) und seiner Plaquéwarenfabrik wurde zur Herstellung repräsentativer versilberter Zier- und Gebrauchsgegenstände, die die Vitrinen gutbürgerlicher Familien schmückten und für Hotels bestimmt waren, das billigere Kupferblech noch unter hohem Druck mit einer dünnen Silberschicht verpresst. 1880 fusionierten das Straub"sche Unternehmen und die Esslinger Firma Ritter zur WMF. Die Versilberungsanstalt Ritter - um den Chemiker und später prägenden WMF-Chef Carl Haegele - wandte bereits das moderne galvanische Verfahren zur Metallveredlung an. Dabei wird in einem Silberbad mithilfe von Strom elektrolytisch eine hauchdünne Silberschicht auf das Metall aufgebracht. Dieses Verfahren kam in Abwandlung auch bei den Großobjekten der Galvanoplastischen Kunstanstalt zum Tragen - dann wurden Gipsformen mit Kupfer überzogen und somit stabilisiert und haltbar gemacht.

Neben den versilberten Hohlwaren gehörte in Serienfertigung hergestelltes versilbertes Besteck ab 1890 zum Kerngeschäft der WMF. Mit der "Patentversilberung" verbuchte die WMF einen entscheidenden Marktvorteil: Mit diesem Verfahren konnten die Teile eines Bestecks, die besonders beansprucht werden, stärker versilbert werden. Damit wurde ein Nachversilbern kaum mehr nötig. Die Patentversilberung begründete den Ruf der WMF als Qualitätshersteller und wurde zu ihrem Markenzeichen. Die WMF erzielte mit diesen Bestecken zwei Jahrzehnte lang bis zum Ersten Weltkrieg 20 Prozent ihres Gesamtumsatzes. In den "Goldenen Zwanzigerjahren" boomte die Besteckproduktion erneut und besonders - die WMF machte zwei Drittel ihres Umsatzes damit.

Ihr Patent für die Spezialversilberung lief 1923/24 aus. Zum Niedergang trug die WMF selber bei - mit Cromargan. Die WMF konnte sich für ihren Bereich die Exklusivrechte sichern für die Belieferung mit diesem von Krupp entwickelten V2A-Stahl. Dessen Materialvorteile - rostfrei, säurefest, geschmacksneutral, haltbar und pflegeleicht - setzten sich schließlich durch, nicht nur bei Kochtöpfen, sondern ab 1932 auch beim Besteck.

Dennoch gab es bis 1998 die Besteck-Galvanik bei der WMF in Geislingen - direkt bei der damaligen Besteck- und Messerfertigung angesiedelt; und im vierten und fünften Stock des Millionenbaus gab es eine Galvanik bei den Hohlwaren. Danach wurden beide Galvaniken im Hochbau vereint. Verschiedene Gravurtechniken wurden ebenfalls Bestandteil der Arbeit.

Um besser für das Hotelgeschäft aufgestellt zu sein, wurden 2011 die beiden Marken WMF und Hepp in der proHeq GmbH vereint. Beim Betriebsübergang wurde vom damaligen WMF-Management der Standort bis Ende Juni dieses Jahres garantiert. Der Galvanik-Automat wurde damals abgebaut. Es entstand im vierten Stock des Millionenbaus in Geislingen die neue Handgalvanik mit Gravur und Montage. In den Rückbau wurde investiert und es wurde ein neuer Gleichrichter für 30 000 Euro angeschafft. Nach nur drei Jahren Bestand soll auch diese Abteilung geschlossen werden.

Derzeit werden in der Galvanik in Geislingen pro Jahr immerhin noch etwa 600.000 Hotelbestecke versilbert, hinzu kommen Bestecke für den Verkauf an Endverbraucher. Außerdem versilbert die Galvanik Hohlwaren für Hotels, wie zum Beispiel Tabletts aller Größen, Tee- und Kaffeekannen, Milchkännchen und Zuckerdosen, Wein- und Champagnerkühler. Die Abteilung in Geislingen arbeitet auch für Dritte, so werden derzeit für Alfi Kannen vergoldet.