Den Titel "Vogel des Jahres" verdient sich eine Art durch eigene Bedrohung und in der Regel stellvertretend für eine Vogelgruppe mit ähnlichen Ansprüchen und Schwierigkeiten sowie für einen gefährdeten Lebensraum. Keine Art, auch nicht der Mensch, kann isoliert betrachtet werden. Im Naturhaushalt ist alles eng miteinander verwoben, voneinander abhängig, auch wenn der Laie die Zusammenhänge meist nicht mal ahnt - bis es zu spät ist. Alle Lebewesen haben nur eine gemeinsame Umwelt.

Die Ehre fiel diesmal der Dohle zu, wissenschaftlich Coloeus monedula, frei übersetzt: dem kurzen kleinen Mönchlein. Kurz bezieht sich auf Schwanz und Schnabel, kleines Mönchlein auf das schwarze Federkleid, (je nach Licht grünlich oder blau schimmernd) dieses nicht mal taubengroßen Vogels mit nur etwa 230 Gramm Gewicht. Dazu passt die durch den hellgrauen Hals und die Wangen vom übrigen Körper deutlich abgesetzte schwarze Kappe. Eigentlich könnte die Dohle jeder kennen, gerade in Geislingen. Ihr "kja, kjack, kjöck" oder gedehntes "kjäärrr" hört der aufmerksame Einwohner wieder ganzjährig über der belebten Fußgängerzone eben- so wie bei der WMF oder der Martinskirche. Das ist leider nicht in allen Städten - und war auch bei uns nicht immer - so.

Um 1950 gab es in Deutschland noch geschätzt 200 000 Paare, in Baden-Württemberg 2500 bis 3000, im Kreis Göppingen 60 bis 80 Paare in mindestens acht Kolonien. Dohlen brüten nämlich selten allein beziehungsweise isoliert, sondern als sehr gesellige Vögel an geeigneten Stellen meist in Gruppen von zwei bis 20, anderswo sogar manchmal über 100 Paaren beieinander. Bei uns waren damals die größten Kolonien an Schloss Ramsberg und Ruine Scharfenschloß, kleinere zum Beispiel an Himmels- und Beutelsfels sowie an der Hausener Wand. Als Höhlenbrüter ist die Dohle auf geeignete dunkle Nischen und Löcher auf Türmen, Dachböden, an Mauern, Ruinen oder Felsen angewiesen. Gelegentlich brütet sie in Kaminen, sehr selten (nicht bei uns) im Wald in vom Schwarzspecht gezimmerten Baumhöhlen.

Ab 1960 änderte sich die Situation bei uns grundsätzlich. Die Felsen, aber auch alle anderen bisherigen Plätze im Kreis, wurden nach und nach aufgegeben, dafür besiedelten die Dohlen den Ödenturm 1960 mit zunächst vier Paaren, 1962 schon mit neun Paaren im Turmhelm mit defekter Verschalung zwischen Mauer und Dach. Nach deren Reparatur zogen sie 1963 in Schalllöcher und Turmfenster der Stadtkirche um. Hier brüteten sie bis 1970 in vier bis 20 Paaren ungestört und sehr erfolgreich. Doch Zeitgeist und finanzielle Möglichkeiten holten sie auch dort ein. Wegen der bis heute andauernden allgemeinen Plage durch verwilderte Haustauben wurden damals landauf, landab fast alle Kirchtürme vergittert, auch an der Stadtkirche, obwohl dort von den Dohlen gar keine Tauben geduldet wurden. Wir Naturschützer entdeckten die Gitter erst, als es schon zu spät war, durch Verhandlungen konnten nur noch die drei Fenster mit den schönen Rosetten am Kirchenschiff freigehalten werden. Eine davon belegt bis heute der ebenfalls vom Turm vertriebene Turmfalke (den dort sogar mal Sielmann mit mir zusammen gefilmt hatte, 1959 im Fernsehen), nur zwei Nistplätze blieben den Dohlen, bis sie wohl wegen Elektrosmog fernblieben.

Doch sie rächten sich! Notgedrungen wichen sie auf Nischen und vor allem in Hauskamine der Geislinger Altstadt aus. Sie füllten die Kamine einfach mit Zweigen voll, bis für den Nestbau geeignete Plattformen etwa 40 Zentimeter unter den Einflugöffnungen entstanden. Diesmal hatten die Dohlen - allerdings nur vorübergehend - den Zeitvorteil. In der Brutzeit, April bis Juni, waren die Öfen ja nicht beheizt. So bemerkten die betroffenen Hausbesitzer die "freudige Überraschung" erst in der nächsten Heizperiode, wenn die mehrere Meter hoch total verstopften Kamine nicht mehr zogen und der Kaminfeger für viel Geld anrücken musste.

Solche "Siege" sind für den Naturschutz selbstverständlich kontraproduktiv. Wir empfehlen daher, die Einflugöffnungen noch benötigter Kamine mit kleinen Drahtgittern zu verschließen (wie später auch die Lüftungsrohre am Millionenbau der WMF).

Diese etwa 15 Paare in der Geislinger Altstadt, bald danach auch im Alten Bau, waren in den 1980er Jahren übrigens die einzigen Dohlen im ganzen Kreis Göppingen. Berechtigter Ärger, Vernunft und Verantwortung liegen also oft nahe beieinander; und es gibt durchaus Möglichkeiten, sich erträglich zu arrangieren. Durch Einbau von Nistkästen in der WMF, im Turm der Martinskirche, später in Sankt Maria, gelang es dem NABU, die Dohle nicht nur zu retten, sondern eine erfreuliche Steigerung zu erzielen. Im wieder renovierten Turmhelm des Ödenturms brüten seit 2009 dank gesägter Einfluglöcher wieder zwei Dohlenpaare. Von Geislingen ausgehend besiedelten sie inzwischen Amstetten, Oppingen, Bad Überkingen, Kuchen, Gingen (elf Paare), Süßen, Böhmenkirch, Bad Boll, Eislingen, Göppingen und Rechberghausen, jeweils in Nistkästen des NABU. Zur großen Freude vieler Leute, keineswegs nur von Fachleuten, brüten inzwischen wieder etwa 55 Paare in unserer engeren Heimat, die Hälfte davon in Geislingen.

Genauso wichtig wie geeignete Brutplätze sind halbwegs naturnahe Lebensräume mit ausreichendem Nahrungsangebot. Die Dohlen sind zwar Allesfresser, Altvögel kommen mit Getreidekörnern, Sämereien, Schnecken, gelegentlich Mäusen und Abfall zurecht. Für die Jungenaufzucht benötigen sie aber proteinhaltige Nahrung: Würmer, Insekten und Spinnen. Die finden sie auf kurzrasigem Grünland, Viehweiden, Heiden, Brachland, an Feldrainen und Hecken. Wo gibt es das noch in ausreichendem Maß in unserer monoton gewordenen Heimat? Intensivlandwirtschaft mit großflächigen Raps- und Maisfeldern, enormem Einsatz an Dünger und Pestiziden ist aller Insekten und somit vieler Dohlenbruten Tod.

Ich untersuchte bisher in Geislingen über 200 Bruten und beringte dabei 588 junge Dohlen. Die Wiederfunde zeigen, dass unsere nur im ersten Lebensjahr über Winter wegziehen, bis Ost- maximal Südwest-Frankreich. Die Heimkehrer siedeln sich meist im Nahbereich an, z.B. in Neufra, Ellwangen, bei Ulm, Waldstetten und Blaubeuren. An den Bruten stellte ich fest, dass die Zahl der ausfliegenden Jungen je erfolgreiche Brut seit 1961 von ursprünglich über drei auf heute knapp über zwei zurückging. Das ist, auch anderswo in Mitteleuropa festgestellt, eindeutig die Folge von Nahrungsmangel in der Brutzeit. Darauf ist der Bestandsrückgang in Deutschland auf etwa 100 000, in Baden-Württemberg auf nur 1500 Paare zurückzuführen. Das scheint dem Laien noch viel zu sein. Es ist aber ein Rückgang von 50 Prozent in nur 50 Jahren. Da kann man bei unserem oft unverstandenen, teils sogar belächeltem Kampf um die Erhaltung der bedrohten Natur leider nicht mehr sagen "wehret den Anfängen". Die Vernichtung ist weit fortgeschritten, es ist fünf vor zwölf. Vor allem überregional zeigt uns das auch die Dohle. Ihr Beispiel als Vogel des Jahres sollte uns aufrütteln.