Geislingen Flüchtlinge betreiben Obst- und Gemüseladen

Houreh Heba und Geschäftspartner Albaar Alkrot sortieren das Gemüse vor dem „Damaskus Market“ im Gebäude der ehemaligen Metzgerei Barth in Geislingen. Heba betreibt das Geschäft mit ihrem Ehemann Samer Farawati, die beiden sind aus ihrer Heimat Syrien geflüchtet.
Houreh Heba und Geschäftspartner Albaar Alkrot sortieren das Gemüse vor dem „Damaskus Market“ im Gebäude der ehemaligen Metzgerei Barth in Geislingen. Heba betreibt das Geschäft mit ihrem Ehemann Samer Farawati, die beiden sind aus ihrer Heimat Syrien geflüchtet. © Foto: Rainer Lauschke
Geislingen / Michael Scheifele 17.08.2018
Nach der Flucht aus Syrien hat sich ein Ehepaar in Geislingen eine neue Existenz aufgebaut. Ihr „Damaskus Market“ in der Schubartstraße läuft gut.

Das Geschäft ist zum Ort der Begegnung geworden“, erzählt Houreh Heba. Sie und ihr Ehemann Samer Farawati sind die Besitzer des „Damaskus Market“ in der Geislinger Schubartstraße. Die beiden benannten den Laden im Gebäude der ehemaligen Metzgerei Barth nach ihrer syrischen Heimatstadt, aus der sie mit ihren vier Kindern flüchteten.

Der „Damaskus Market“, in dem seit April unter anderem frisches Obst und Gemüse verkauft werden, ist inzwischen mehr als nur ein Laden: Kunden unterschiedlicher Herkunft verweilen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, erzählt Heba. Es habe sich schnell herumgesprochen, dass es den Laden gibt. Und es gibt einen Standortvorteil: Seit das Kaufland geschlossen wurde, kann man in der Oberen Stadt kaum mehr Lebensmittel kaufen.

Die Räume hat das Ehepaar bei einem privaten Eigentümer gemietet. Um die bürokratischen Hürden zu überwinden, gab es Hilfe von arabisch sprechenden Freunden, die schon lange in Deutschland leben und als Übersetzer fungierten, berichtet Heba. Weder sie noch ihr Mann hatten Erfahrung mit der Selbstständigkeit, Farawati hatte in Damaskus eine leitende Position in einer Firma für Solartechnik inne. Seine Deutschkenntnisse reichen jedoch noch nicht aus, um in ein deutsches Unternehmen einzusteigen, erklärt seine Ehefrau. Die 32-Jährige verrät, warum sie besser deutsch spricht als ihr Mann: „Ich arbeite ehrenamtlich im Dia­koniecafé. Dort habe ich viele Kontakte zu deutschen Frauen.“ Insgesamt fühle man sich wohl nach drei Jahren in der Fünftälerstadt: „So langsam habe ich das Gefühl ich kenne halb Geislingen.“ Die Hoffnung, dass die noch ein Jahr gültige Aufenthaltserlaubnis ein weiteres Mal verlängert wird, ist groß.

Als die Familie vor vier Jahren in Deutschland ankam, war es aber zunächst nicht einfach:  Am ersten Wohnort, in einem Dorf bei Trier, wurde Heba wegen ihres Kopftuchs seltsam beäugt, erzählt die Syrerin. Geislingen hingegen sei offen und international. Auch die Kinder des Ehepaars haben sich gut eingelebt und fanden viele Freunde in der Schule  – auch Deutsche.  Zwei der vier Kinder sprechen inzwischen besser deutsch als arabisch, erzählt ihre Mutter mit Freude.

 Manchmal aber vermisst Hourieh Heba ihre Heimatstadt Damaskus: Vor allem zum Ende des Ramadans, wenn die Straßen der syrischen Hauptstadt immer festlich geschmückt und die Menschen  in fröhlicher Feierlaune waren. Doch die 32-Jährige hat nicht nur schöne Erinnerungen an die Heimat. Zwei Jahre nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs beschloss die Familie im Jahr 2013, aus Damaskus zu flüchten. Farawati  konnte wegen der Kriegswirren seinen Beruf nicht länger ausüben, die Kinder konnten nicht mehr zur Schule gehen. Dann wurde die Wohnung der Familie von einer Bombe getroffen und brannte aus.  Bei einem Kind hat sich die schlimme Erfahrung besonders bemerkbar gemacht: Es wollte nicht mehr essen und sprechen, erzählt die Mutter: „Wir hatten alles verloren und ich hatte Angst um das Leben meiner Kinder. Wir mussten weg.“

Die Flucht führte die Familie erst nach Ägypten, da Farawati dort Freunde hatte. Sie blieben eineinhalb Jahre. „Die Situation war aber perspektivlos“, erzählt Heba. „Wir wurden ständig aufgefordert, nach Syrien zurückzukehren, und die Kinder konnten nicht in die Schule.“ Nachdem das Ehepaar genügend Geld gespart hatte, wagte es die Fahrt übers Mittelmeer nach Italien. 15 Tage trieb die Familie auf einem überfüllten Boot über die offene See, schildert Heba, die zu dem Zeitpunkt mit ihrem jüngsten Kind schwanger war.  Nach einiger Zeit gab es nichts mehr zu trinken und zu essen.  „Es war schrecklich. Menschen gerieten in Panik und mussten sich übergeben“, sagt die 32-Jährige und wirkt dabei erstaunlich gefasst. Doch die Familie hatte im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen Glück und erreichte wohlbehalten europäisches Festland. Die Kinder wollen seither allerdings nicht mehr ans Meer und gehen nur noch ins Freibad, erzählt die Mutter.

 Für die Zukunft hat die Familie einen Wunsch: in eine größere Wohnung ziehen. Das Geschäft läuft gut, man lebt sich immer besser ein und verbessere nach und nach die Sprachkenntnisse. „Es wird immer leichter“, sagt Heba. Sie erhofft sich dadurch Chancen auf ein längerfristiges Bleiberecht: „Wir wollen auf jeden Fall im Umkreis von Geislingen bleiben.“

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