Geislingen Festakt erst bei Auflösung

Der Vorsitzende der Bürgeraktion B 10-neu, Hans-Peter Maichle, sprach im Schubartsaal zum 20-jährigen Bestehen der Initiative, die sich für eine Ortsumfahrung von Kuchen und Geislingen einsetzt.
Der Vorsitzende der Bürgeraktion B 10-neu, Hans-Peter Maichle, sprach im Schubartsaal zum 20-jährigen Bestehen der Initiative, die sich für eine Ortsumfahrung von Kuchen und Geislingen einsetzt. © Foto: Alexander Jennewein
Geislingen / Christian Scharbert 08.10.2018
Die Bürgerinitiative „B 10-neu Geislingen“ setzt sich seit 20 Jahren für eine Ortsumfahrung von Kuchen und Geislingen ein.

Wenn eine Organisation 20-jähriges Bestehen feiert, ist das normalerweise ein fröhlicher Anlass. Bei der Bürgeraktion B 10-neu ist das nur bedingt so. Denn seit 20 Jahren setzen sich die Bürger für eine Ortsumfahrung von Kuchen und Geislingen mit Anschluss in Amstetten ein. Immerhin: Das B 10-neu-Projekt ist bis Gingen fortgeschritten. Ein wirklicher Festakt, so waren sich die Gäste bei der 20-Jahr-Feier am Sonntag im Schubartsaal in Geislingen einig, würde erst die Auflösung der Bürgeraktion bedeuten. Schließlich würde dies bedeuten, dass die Umfahrung realisiert wäre.

Trotzdem wollte sich Hans-Peter Maichle, Vorsitzender der Bürgeraktion, die Stimmung zum 20-jährigen Bestehen nicht vermiesen lassen. „Heute ist nicht der richtige Zeitpunkt, um zu kritisieren. Heute sind wir dankbar, dass die neue B 10 zumindest in Gingen angekommen ist“, sagte der Vorsitzende während der Feier. In den Reihen nahm allerhand lokale Politikprominenz Platz – etwa die Bundestagsabgeordneten Heike Baehrens (SPD) und Hermann Färber (CDU), Kuchens Bürgermeister Bernd Rößner und Landrat Edgar Wolff. Letzterer räumte in seiner Ansprache zur Feier ein, dass innerhalb der vergangenen Jahrzehnte nicht immer „die ganz großen Schritte“ für den B 10-Ausbau realisiert werden konnten.

Jedoch betonte Edgar Wolff: „Die Hoffnung, auch die letzten beiden Bauabschnitte der neuen B 10 zu verwirklichen sind so groß wie nie.“

Eine Ortsumfahrung um Geislingen herum würde sowohl Anwohner als auch Autofahrer entlasten, fuhr Wolff fort.  Außerdem würde die neue Straße der Region um Geislingen aufgrund der besseren Anbindung erhebliche Standortvorteile für Industrie und Gewerbe verschaffen. Wolffs Hoffnung: Bis zum Jahr 2020 sollte das Planfeststellungsverfahren der fehlenden B 10-Trasse abgeschlossen sein.

2028 als realistischer Zeitpunkt

Etwa 2028 wäre, so Wolff, ein realistischer Zeitpunkt, dass sowohl die Straße als auch der Tunnel bei Geislingen fertiggestellt sein könnten. „Wir sind auf der Zielgeraden. Und wir werden die letzten acht Kilometer B 10 fertigstellen“, zeigte sich der Landrat optimistisch. Wolff blieb nicht der einzige Redner, der den Gästen diesen Zeithorizont mitteilte.

Um diesen Zeitplan tatsächlich einhalten zu können, stellte Andreas Hollatz vom Regierungspräsidium Stuttgart sogar in Aussicht, den Bau der Umfahrung in rund zwei Jahren gleichzeitig sowohl an einem Ende bei Kuchen, als auch östlich von Geislingen am anderen Ende zu beginnen. Der Zeitplan wäre eng: Allein der Tunnelbau würde etwa drei Jahre Bauzeit in Anspruch nehmen, schätzte Andreas Hollatz.

Er lobte das Engagement der Bürgeraktion – einige Mitglieder hätten sich auch schon vor der Gründung der Aktion für eine Ortsumfahrung Geislingens eingesetzt.

Bei seinem Grußwort an die Bürgerinitiative bat Andreas Hollatz allerdings auch um Verständnis: „Der Ausbau der B 10 war nie ein Selbstläufer. Die Region ist mit schöner Landschaft gesegnet. Daher ist klar, dass man durch diese Natur nicht einfach und schnell eine breite Straße ziehen kann.“ Diskussionen mit Anwohnern, Naturschützern und nicht zuletzt bürokratische Abläufe hätten das Projekt in den vergangenen Jahren zusätzlich verzögert, erklärte Hollatz.

Für die Umfahrung bei Geislingen nahmen die Mitglieder der Bürgeraktion nicht nur 20 Jahre Arbeit, sondern auch weite Wege auf sich. So reisten sie etwa mehrmals nach Berlin, um sich im Bundesverkehrsministerium Gehör zu verschaffen. Geislingens stellvertretender Bürgermeister Holger Scheible zählte auf: Allein in den vergangenen 20 Jahren hatten zehn unterschiedliche Verkehrsminister den B 10-Ausbau auf dem Schreibtisch. „Bereits in den 50er Jahren machten Bürger in Geislingen auf die Dringlichkeit einer neuen B 10-Trasse aufmerksam“, ergänzte er.

Die Bürgeraktion habe sich immer als „unangenehmer Mahner“ bewiesen, um das Thema auf Bundesebene hervorzubringen, lobte der OB-Stellvertreter: „Sie argumentierten hart in der Sache, aber korrekt im Stil. Und Sie erhalten nahezu in der gesamten Region Zustimmung dafür, dass Ihr Anliegen ein überaus wichtiges ist.“

Steffen Bilger, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, teile das Ziel, das Projekt „so schnell wie möglich“ voranzubringen, versicherte er bei seiner Ansprache. Der Bund nehme etwa zwei Milliarden Euro mehr durch die Erhöhung der Lkw-Maut ein, was unter anderem zu höheren Investitionen in Infrastrukturprojekte führe. Allgemein stelle der Bund so viel Geld wie noch nie für den Straßenbau zur Verfügung, was auch dem B 10-Neubau zugute kommen werde.

Der Bund gehe von rund 250 Millionen Euro Baukosten für die neue B 10 aus. Bemerkenswert halte er die Leistung der Bürgeraktionsmitglieder, sagte Steffen Bilger: „Meist sprechen sich Bürgerinitiativen gegen etwas aus. Es ist schön zu sehen, dass sich Bürger hier auch für etwas einsetzen.“

Zum festlichen Anlass passend steckte der Staatssekretär im dichten Verkehr fest – und kam somit etwas zu spät zur Veranstaltung. Eine kleine Stichelei konnte sich Bürgeraktions-Vorsitzender Hans-Peter Maichle mit einem Augenzwinkern deshalb nicht verkneifen: „Hätten wir die neue B 10, wäre er wahrscheinlich pünktlich gewesen.“

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