Zur Mitte des 19. Jahrhunderts setzte im Filstal die Industrialisierung mit Macht ein. Dank zweier Faktoren: Die Wasserkraft der Fils trieb die Transmissionsriemen in den Fabriken an, die Eisenbahnlinie sorgte für den Verkehrsschub. An diesen bis heute prägenden Aufbruch in die Moderne knüpft der Verband Region Stuttgart nun mit der "Route der Industriekultur" an. Deren Konzept wurde gestern im Albwerkspeicher in Geislingen vorgestellt.

Es geht um touristische Anziehungspunkte, um Impulse für das Image des Landkreises Göppingen, um die Sensibilisierung der Bevölkerung für die eigene Heimat- und Industriegeschichte - und das Ganze steht in Verbindung mit der Landschaft des Filstals. So erläuterte Peter Wendl vom Planungsbüro agl seinen Ansatz.

Von der Quelle bis zur Mündung, von Wiesensteig bis Plochingen haben er und sein Partner Sascha Saad 107 Orte in 16 Filstalgemeinden für eine Vorschlagsliste ausgewählt, an denen Industriegeschichte in all ihren Facetten in Szene gesetzt und erlebbar werden soll. Schwerpunkte liegen in Geislingen, Eislingen und Göppingen. Zu den 107 Orten gibt es im Internet Beschreibungen, die die jeweilige Bedeutung berücksichtigen, den Erhaltungszustand eines Industrierelikts und seine touristische Relevanz. 15 bis 20 besondere "Ankerpunkte" sollen sich herauskristallisieren. In Geislingen zum Beispiel sollen in die Route Industriedenkmale, die Steige und der Bahnhof aufgenommen werden, die WMF mit ihrem Werkverkauf und das Albwerk, der Zugang zum Karlstollen und das Herrenhaus als Überbleibsel der "Spinne", die Kaiser-Brauerei und die Straubsche Grabkapelle.

Der Filstalradweg bildet das Rückgrat des touristischen Wegs. Hinweise am Weg sollen Ausflügler zu wenig entfernten Sehenswürdigkeiten leiten. Zentrale Infoinseln an der Fils, so die Planung, lassen dank QR-Codes kaum mehr sichtbare Industriedenkmale erlebbar werden über alte Fotos, Filme, Interviews mit Zeitzeugen.

Über ein EU-Förderprogramm finanziert der federführende Verband Region Stuttgart die Beschilderung mit 315 000 Euro , erläutert deren Technischer Direktor Thomas Kiwitt. Die Realisierung ist sukzessive ab Frühjahr 2014 innerhalb eines Jahres geplant. Die Route der Industriekultur soll die Masterpläne Fils und den Landschaftspark Region Stuttgart ergänzen, sagte Kiwitt.

Geislingens Oberbürgermeister Wolfgang Amann, der für die 16 Filstalgemeinden sprach, erinnerte an einige - auch verschüttete - Schätze der Industriegeschichte in der Fünftälerstadt. Kreisarchivar Dr. Stefan Lang begrüßt die Anstrengung um die Industriekultur-Route, könne damit doch auch jungen Generationen gezeigt werden, "wo die Wurzeln des Wohlstands" ihrer Heimat liegen.


Aufruf zur Mitarbeit:
Die Bevölkerung ist aufgefordert, bei der "Route der Industriekultur" ihren Sachverstand und ihre Erinnerungen via Internet einzubringen. Die Website ist freigeschaltet, www.industriekultur-filstal.de eröffnet ein Mitmachportal. "Erzählen Sie uns Ihre Geschichten", ermuntern die Macher. Begebenheiten zu Firmen, Produkten oder Erlebnisse aus der Arbeitswelt in Wort und Bild können dort online gestellt werden. So soll nach und nach ein digitales Gedächtnis zur Industriekultur im Filstal wachsen.

In sechs Schwerpunkte gliedert sich das Projekt: "Fils, Bahn & Co" beleuchtet die Infrastruktur der Industrialisierung. "Unternehmen & Unternehmer" richtet den Blick auf Persönlichkeiten. Hinter "Erzeugnissen und Produkten" steht das "made im Filstal". "Im Wandel der Zeit" zeigt das Werden und Vergehen von Betrieben, Branchen und Gebäuden. Repräsentative Unternehmervillen, bautechnische Meisterleistungen und Arbeitersiedlungen werden unter "Baukultur und Denkmal" zusammengefasst. Mit Arbeitsalltag, Lebensbedingungen und den sozialen Verhältnissen im Filstal beschäftigen sich die "Arbeitswelten".