Geislingen Welt durch die Augen eines Rollifahrers sehen

Rolley-Ralley 2016: Eine der Aufgaben lautet, mit dem Rollstuhl über die Rampe in den Bus zu kommen. Für Ungeübte keine leichte Aufgabe. Dieser Herausforderung werden sich auch morgen wieder die Probanden stellen müssen.
Rolley-Ralley 2016: Eine der Aufgaben lautet, mit dem Rollstuhl über die Rampe in den Bus zu kommen. Für Ungeübte keine leichte Aufgabe. Dieser Herausforderung werden sich auch morgen wieder die Probanden stellen müssen. © Foto: Stefanie Schmidt
Geislingen / Jochen Weis 13.04.2018
Welche Hindernisse machen Rollstuhlfahren in Geislingen das Leben schwer? Dem spürt am Samstag die „Rolley-Rallye“ nach.

Eigentlich ist Geislingen ganz nett zu Fuß zu erkunden. Gut, bisweilen geht es ordentlich den Berg hoch. Doch wer gut zu Fuß ist, für den sollte das kein Handicap sein. Doch bleibt die Frage: Was macht der, der an den Rollstuhl gefesselt ist, der alt und gebrechlich und nur noch dank seines Rollators mobil ist? Da reichen schon ein paar Zentimeter – ein Randstein, eine Stufe, ein Tritt –, um an schier unüberwindbare Grenzen zu stoßen. Wer schon einmal einen Kinderwagen vor sich hergeschoben hat, der dürfte ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Diese Hindernisse aufzuspüren und auf die Belange Betroffener aufmerksam zu machen, das hat sich der Verein Skatepark Geislingen auf die Fahnen geschrieben – und zwar mit einer „Rolley-Rallye“. Zwei Auflagen hat es seit 2014 bereits gegeben Nun folgt am morgigen Samstag Nummer drei. Treffpunkt ist um 9 Uhr beim inklusiven Skatepark in Altenstadt.

Die Regeln der Rolley-Rallye sind einfach: Insgesamt drei Teams machen sich mit drei Rollstühlen aus dem Vereinsfundus auf drei Touren auf den Weg durch Geislingen, von Altenstadt bis zur Oberen Stadt. „In jeder Gruppe sind fünf bis acht Leute, die sich abwechselnd in den Rollstuhl setzen. Jeder Teilnehmer soll seine Erfahrungen aus dieser für ihn ungewohnten Perspektive machen und die Stadt aus einem neuen Blickwinkel wahrnehmen“, erklärt Maximilian Erhardt, Beisitzer im Skatepark-Verein und Mitverantwortlicher im Orga-Team der Rallye.

Die Aufgaben, die die Probanden in ihren Rollstühlen zu bewältigen haben, sind vielfältig. Das reicht von dem Versuch, mit dem Rolli über die Bordsteinkante auf den Gehweg zu kommen über die Übung, in einen Bus zu kommen, bis hin zum Einkauf in einem Geschäft. Was sich für jeden Menschen ohne Behinderung völlig simpel anhört, birgt für jeden Menschen mit Handicap erhebliche Tücken, wie Erhardt zu berichten weiß: „Nehmen wir das Beispiel Bordsteinkante. Wer mit dem Rollstuhl drüber möchte, der muss ihn ganz leicht nach hinten kippen, bis die vorderen Räder den Boden verlassen“, erklärt Erhardt: „Wer aber keine Erfahrung mit dem Rollstuhl hat, der kippt ganz schnell nach hinten.“

Bei Bussen wiederum stellt sich die große Frage: Wie aus eigener Kraft hineinkommen, wenn die Haltestelle nicht barrierefrei, sprich: mit einer erhöhten Bordsteinkante ausgebaut ist? Oder kein Niederflur-Bus mit Neige-Funktion (Kneeling) hält? Wobei letztlich schon die Fahrt über die Rollstuhlrampe in den Bus für den Ungeübten eine nachhaltige Erfahrung ist.

Schlussendlich kann das Einkaufserlebnis für die Rolli-Fahrer ganz schnell zur Tortur werden. Nicht nur, weil es bei manchen Geschäften noch immer den früher obligatorischen Tritt vor der Ladentür gibt. „In den Läden bekommt man schnell und gut Hilfe vom Personal“, sagt Erhardt, „nur wenn mal niemand verfügbar ist, ist man ganz schnell aufgeschmissen, wenn man was oben aus dem Regal holen möchte“. Bisweilen, so berichtet Erhardt, machen die Rallye-Rollstuhlfahrer recht obskure Erfahrungen. Beispiel Bahnhof, der in Geislingen nicht barrierefrei ausgebaut, bei der morgigen Tour aber keine Station ist: Dort gelangt man nur durch die Unterführung zu Gleis 2 – und damit als Rollstuhlfahrer aus eigener Kraft gar nicht. „Da haben wir dann den Ratschlag bekommen, mit dem Zug von Gleis 1 nach Amstetten zu fahren, dort umzusteigen und mit dem anderen Zug nach Geislingen zu Gleis 2 zurückzufahren.“

Bei der Rolley-Rallye geht es aber nicht nur darum, mahnend den Zeigefinger zu heben. „Wir wollen genauso aufzeigen, was sich in Geislingen in den vergangenen Jahren verbessert hat“, sagt Erhardt, der in seiner Probanden-Riege auch Geislingens OB Frank Dehmer, die vier Gemeinderäte Bettina Maschke, Ludwig Kraus, Bernhard Lehle und Sascha Binder sowie die Kreisbehindertenbeauftragte Claudia Oswald-­Timmler begrüßen darf. „Wer sich am Samstag noch anschließen möchte, kann das gerne tun“, sagt Erhardt. Dazu reicht schon eine kurze Mitteilung an info@skatepark-geislingen.de oder eine Nachricht über die Facebook-Seite des Vereins.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel