Die letzten 4,3 Kilometer Gleise der Tälesbahn sind nun auch Geschichte. Die meisten Schienen wurden jüngst ausgebaut. Sie werden verschrottet. In ihren besten Zeiten war die Bahnnebenstrecke von Geislingen nach Wiesensteig 21 Kilometer lang.

Lange hatte es seinerzeit gedauert, bis die Strecke gebaut worden war, viele Diskussionen wurden darüber vor Ort und im württembergischen Parlament darüber geführt, zudem gab es konkurrierende Pläne und Konzepte. Schon 1861 wandten sich die Gemeindevorsteher von Wiesensteig, Mühlhausen, Gosbach und Ditzenbach an die Stuttgarter Abgeordnetenkammer mit der Bitte, mit einer Bahnlinie nach Kirchheim angeschlossen zu werden. Alternativ wurde eine Verbindung nach Geislingen angedacht. Lange Zeit erwog man eine Schmalspurbahn.

Die Planungen kamen erst 1895 richtig in Fahrt, als König Wilhelm II. in seiner Thronrede Nebenbahnen als dringend notwendig bezeichnete. Als viertes von 17 Projekten listete er eine Stichbahn von Geislingen bis Wiesensteig auf. Am 8. März 1898 genehmigte die Abgeordnetenkammer dafür eine erste Baurate von 450 000 Mark, bei veranschlagten Gesamtkosten von 1,55 Millionen Mark. "Die Kunde löste im Täle Jubel und Freude aus. Überall krachten die Böller. Es wurde geflaggt, und die Wiesensteiger hielten sogar einen Umzug mit Musik", beschreibt Karlheinz Bauer in Band zwei seiner Geschichte der Stadt Geislingen die Reaktionen. Ende Februar 1901 lag die veränderte Planung vor - statt Schmalspur nun doch Normalspur. Am 11. Juli 1901 machte die Abgeordnetenkammer vollends den Weg frei.

Der Bau ging rasch vonstatten. Spatenstich für die Tälesbahn war am 14. Januar 1902. "Am 18. August 1902 pfiff schon das erste ,Züglein durch Altenstadt", schreibt Bauer. Am 20. Oktober 1903 - einem sonnigen Herbsttag - wurde die Tälesbahn mit einer Jungfernfahrt von Geislingen nach Wiesensteig mit einem großen Fest und Ansprachen an jeder Haltstation eröffnet. Schließlich fand in der "Sonne" und in der "Post" in Geislingen ein Festmahl statt. Man schickte an den König ein Huldigungstelegramm.

Welche Gründe führten zum Bau der Tälesbahn? Das Obere Filstal und Wiesensteig im Besonderen hatten mit einem Bevölkerungsrückgang zu kämpfen, vor Ort gab es keine Industrie und zu wenig Arbeitsplätze. Andererseits stieg der Arbeitskräftebedarf in der Oberamtsstadt Geislingen durch die boomende Industrie. Mit der Tälesbahn als Zubringer fuhren täglich viele Bewohner aus dem Oberen Filstal nach Geislingen zur Arbeit.

Umgekehrt erfüllten sich die Hoffnungen allerdings nicht, resümiert Bauer; durch die Tälesbahn kam es zu keiner nennenswerten Industrialisierung des Täles. Die Beförderungsleistung nach der Eröffnung war aber enorm. So fuhren mit der Tälesbahn 1914 insgesamt 311 560 Personen, zudem wurden 21 300 Tonnen Güter transportiert. 1937 wird der Abschnitt vom Geislinger Bahnhof bis zum Stauferstollen wegen des Abtransports aus dem Erzbergbau sogar elektrifiziert.

Mit der Entwicklung des Autoverkehrs in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg sank die Rentabilität der Tälesbahn aber rapide. Wegen des steigenden Defizits wurde bereits auf Jahresende 1968 die Strecke von Deggingen nach Wiesensteig stillgelegt. Bis Juli 1980 verkehrten noch Personenzüge bis Deggingen, bis Oktober 1981 Güterzüge. 1982 wurden bereits die Gleise von Deggingen bis zum Lokschuppen der Grube Karl demontiert. Ende 2000 war es auch vorbei mit dem Güterverkehr. Die Reaktivierung der Reststrecke durch eine private Initiativgruppe scheiterte.