Integration Endlich eine Anlaufstelle für alles

Ebru Izci arbeitet seit diesem Monat als Integrationsmanagerin in Geislingen. Mit drei Kolleginnen berät sie Geflüchtete bei Fragen etwa zu Arbeit, Wohnen und Bildung. Das Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe.
Ebru Izci arbeitet seit diesem Monat als Integrationsmanagerin in Geislingen. Mit drei Kolleginnen berät sie Geflüchtete bei Fragen etwa zu Arbeit, Wohnen und Bildung. Das Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe. © Foto: Rainer Lauschke
Geislingen / Kathrin Bulling 24.08.2018
Vier Integrationsmanagerinnen helfen Geflüchteten in Geislingen bei Fragen zu ­Job- und Wohnungssuche, Sprachkursen und Behördengängen.

Sabine Melter und ihre Kolleginnen haben immer wieder Flüchtlinge vor sich sitzen, die ihre Erleichterung darüber ausdrücken, dass sie endlich wissen, wohin sie sich wenden können. Bislang war es so: Wer eine Frage zur Jobsuche hatte, wandte sich ans Jobcenter; wer etwas zum Unterricht in Deutschland wissen wollte, schaute an der Schule seiner Kinder vorbei; wer nicht wusste, was er für eine Familienzusammenführung tun musste, ging zum Amt. „Bei uns können sie jetzt alles strukturiert haben“, sagt Melter.

Die Geislingerin arbeitet seit Mitte Mai als Integrationsmanagerin in der Fünftälerstadt. Zusammen mit aktuell drei Kolleginnen steht sie in den ehemaligen Räumen der EVF in der Heidenheimer Straße Geflüchteten für alle Fragen rund um die Bewältigung des Alltags zur Verfügung. Zwei weitere Mitarbeiter kommen im Herbst noch hinzu.

Das landesweite Beratungs- und Betreuungsangebot besteht seit diesem Jahr. Es soll die Lücke schließen, die entsteht, wenn Geflüchtete aus der Gemeinschaftsunterkunft (GU) ausziehen, in der Sozialbetreuer für sie zuständig waren. Weil es bis zu diesem Jahr keine daran anschließende gebündelte Betreuung für sie gab, kehrten viele Flüchtlinge immer wieder zu ihren Betreuern in den GU zurück, die diese Aufgabe nicht zusätzlich leisten können.

Noch kennen nicht alle das in Geislingen im Frühjahr etablierte System, doch Sabine Melter, Hatice Demir, Cornelia Wittlinger-Nettels und Ebru Izci machen an den weiteren Anlaufstellen in der Stadt – etwa den Kontakt­cafés in der Rätsche und bei der Diakonie – Werbung für sich, verteilen Flyer und schreiben Personen an. Das Angebot spreche sich allmählich herum, sagen die vier, und sie freuen sich darüber, dass schon etliche Geflüchtete so viel Vertrauen zu ihnen aufbringen, dass sie mit ihren Anliegen zur Beratung kommen. „Viele haben in ihren Heimatländern schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht und sind deshalb misstrauisch, wenn wir uns Notizen machen. Wir müssen ihnen klarmachen, dass es nicht zu ihrem Schaden ist“, erklärt Melter.

Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe: Zwar unterstützen die Integrationsmanagerinnen ihre Klienten auch mal beim Ausfüllen von Formularen. Am Ende aber sollen sie selbstständig am Leben teilhaben können – mit Arbeit, Wohnung, integrierter Familie. Das sei auch der große Wunsch ganz vieler Geflüchteter, betont Cornelia Wittlinger-Nettels. Unrealistische Vorstellungen über das Leben in Deutschland – soweit vorhanden – seien bei vielen längst relativiert worden. Es sei auch eine Alterssache, fügt sie hinzu: „Die Erwartungen ans Leben sind bei den Jüngeren anders als beim gestandenen Familienvater, der weiß, dass auch in Syrien keine Autos auf den Bäumen wachsen.“

Immer wieder stellen die Integrationsmanagerinnen fest, dass Leid- und Fluchterfahrungen viele ihrer Klienten lähmen, sie, wie Izci es formuliert, „nicht handlungsfähig“ sind. Wenn nötig, verweisen sie und ihre Kolleginnen deshalb auch an psychologische Beratungsstellen.

Zur Hilfe zur Selbsthilfe gehört auch ein Integrationsplan, in dem die Integrationsmanagerinnen zusammen mit ihren Klienten den Ist-Stand bei Bildung, Berufsqualifizierung, Sprache und sonstigen Kenntnissen und Interessen erfassen und Ziele vereinbaren, die die Flüchtlinge erreichen wollen: etwa ein bestimmtes Sprachlevel oder ein Praktikum.

Die großen Themen, die den Mitarbeiterinnen immer wieder begegnen, sind Schwierigkeiten bei der Wohnungs- und Jobsuche. „Es braucht mehr vertretbaren, bezahlbaren Wohnraum“, sagt Ebru Izci. Sabine Melter und Cornelia Wittlinger-Nettels wünschen sich darüber hinaus einen unkomplizierteren Einstieg ins Arbeitsleben. Leider gebe es zu wenig Angebote für viele sehr motivierte Flüchtlinge. Ebru Izci sagt dazu: „Die Bereitschaft und Handlungsfähigkeit der Geflüchteten ist natürlich wichtig, aber es geht auch um die Chancen, die man Menschen geben muss.“

Integrationsmanagement: Konzept und Kontakte in Geislingen

Anspruch auf Unterstützung durch das Integrationsmanagement haben ­Geflüchtete, die ein Anrecht auf Anschlussunterbringung haben – entweder, weil ihr Asylverfahren abgeschlossen ist oder sie seit 24 Monaten in einer Gemeinschaftsunterkunft ­leben. Das Integrations­management ist Bestandteil des Paktes für Integra­tion des Landes.

Dem Landkreis Göppingen stehen dafür laut ­Berechnungsschlüssel zirka 1,6 Millionen Euro zur Verfügung. Geislingen hat diese Aufgabe wie die meisten anderen Kommunen im Landkreis der Kreisver­waltung übertragen. Der Fünftälerstadt stehen zirka 4,5 Stellen zu. Die Mitarbeiter sind Ansprechpartner für etwa 420 Betroffene; ­allerdings dürfte ihre Zahl noch steigen.

Die Geislinger Integra­tionsmanagerinnen sind ­erreichbar unter Tel. (07331) 9 86 40-76, -80 und -81 sowie (07331) 7 15 09 76. Wer eine Wohnung zu vermieten hat oder überlegt, in seinem Betrieb ein Praktikum oder eine Ausbildungsstelle anzubieten, kann sich auch bei den Mitarbeiterinnen melden – sie geben gern weitere Auskünfte.

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