Ehrenamt Emotion weckt Erinnerungen

In der Betreuungsgruppe Demenz im Mehrgenerationenhaus kommt gute Laune auf, zum Beispiel wenn’s um das Thema Feste feiern geht. Birgit Clemens (Zweite von links) hat die Gruppe gegründet und gibt die Leitung nun an Anita Nagl (rechts) ab.
In der Betreuungsgruppe Demenz im Mehrgenerationenhaus kommt gute Laune auf, zum Beispiel wenn’s um das Thema Feste feiern geht. Birgit Clemens (Zweite von links) hat die Gruppe gegründet und gibt die Leitung nun an Anita Nagl (rechts) ab. © Foto: Markus Sontheimer
Geislingen / Isabelle Jahn 31.07.2018

Bunte Luftballons wirbeln durch den Raum, es soll möglichst keiner auf dem Boden landen. Das Lachen der Seniorinnen verrät, wie viel Freude sie an diesem Spiel haben. Sie sind in diesen Momenten wieder jung – so wie damals, als sie beim Geislinger Kinderfest mitgelaufen sind oder andere Feste gefeiert haben. In Erzählungen von Musikanten, Umzügen, roter Wurst und kühlem Bier leben die Erinnerungen wieder auf.

Die angenehme Atmosphäre steht im Vordergrund bei den wöchentlichen Treffen der Betreuungsgruppe Demenz im Geislinger Mehrgenerationenhaus, erklärt Birgit Clemens: „Es geht um Fröhlichkeit und Spaß.“ Clemens hat die Gruppe vor fünf Jahren gegründet und sie seitdem ehrenamtlich geleitet. Zum August gibt die 75-Jährige aus gesundheitlichen Gründen ihr Amt ab – an Anita Nagl, die die Gruppe bereits seit eineinhalb Jahren mitbetreut und nach der Sommerpause die Hauptverantwortung übernimmt.

Die zwei Frauen sind sich einig: Man kann für die Treffen, die jeden Dienstag von 10 bis 12 Uhr im Mehrgenerationenhaus stattfinden, zwar ein Programm vorbereiten. Aber je nach Stimmung unter den Teilnehmerinnen – zurzeit vier Frauen – wird das dementsprechend angepasst. Am wichtigsten ist laut Clemens, die Demenzkranken auf der Gefühlsebene zu erreichen: „Die Erinnerungen sind emotional und nicht mehr rational.“

Bekannte Orte, frühere Tätigkeiten und Hobbys – auch auf die Biografie der Frauen gehen Clemens und Nagl immer wieder ein, um fast Vergessenes wachzurufen. „Wir feiern die Geburtstage und singen alte Lieder“, erzählt Clemens. Die Betroffenen sollen zwar gefördert, aber nicht unter Druck gesetzt werden: „In den zwei Stunden sollen keine Anforderungen gestellt werden, von denen sie befürchten, sie nicht erfüllen zu können.“

Außerdem gibt es meistens ein zur Jahreszeit passendes Thema, wie zum Beispiel Feste feiern im Sommer. Dazu gehört neben Luftballons und Fähnchen in vielen Farben natürlich auch Musik. Anita Nagl stimmt mit der Gitarre Gute-Laune-Lieder an, Birgit Clemens spielt dazu Tamburin, und einige der Seniorinnen singen kräftig mit oder klopfen dazu mit Klanghölzern.

Ruhiger geht es zu, wenn Clemens ein Gedicht vorliest und Reime offen lässt, die die Seniorinnen vervollständigen. Oder auch bei den Klängen der kleinen Harfe, bei denen sich die Frauen entspannt zurücklehnen. „Es soll immer etwas Sinnliches dabei sein“, sagt Clemens, die in der sogenannten Validation ausgebildet ist. Die Methode beinhaltet den wertschätzenden Umgang mit demenziell veränderten Menschen, erklärt Clemens.

Das Konzept verfolgt auch Anita Nagl, die vor eineinhalb Jahren als Hilfskraft mit einstieg. Sie habe sich sofort wohlgefühlt, erzählt die 69-Jährige: „Man hat so viel Freude miteinander – das erfüllt mich.“ Die gelernte Friseurin hat zwar keine Ausbildung im sozialen Bereich, hat aber einige Kurse absolviert und im Rahmen ihrer Kirchengemeinde ehrenamtlich mit jungen und älteren Menschen gearbeitet. Außerdem hat Nagl zehn Jahre lang ihren demenzkranken Vater gepflegt.

„Die Grundlage ist, was man von der Krankheit hält und wie man damit umgeht“, sagt die Kuchenerin. Sie selbst empfinde es nicht als belastend, dass die Gruppenteilnehmerinnen oftmals etwas vergessen oder nicht jede bei allen Spielen und Aktionen teilnehmen kann. „Wir ziehen kein strammes Programm durch und haben immer was in petto“, sagt Nagl. Die gute Laune, die sich bei den Treffen verbreitet, wirke sich auch auf die Angehörigen positiv aus – die dann wiederum entspannter mit der Situation umgingen.

Nagl scheut sich auch nicht davor, ab und zu mal selbst herumzualbern. Das konnte sie im Team mit Birgit Clemens besonders gut – nicht der einzige Grund, warum sie über ihre Vorgängerin sagt: „Sie und die Zusammenarbeit mit ihr werden mir fehlen.“

Info Die Betreuungsgruppe Demenz trifft sich jeden Dienstag von 10 bis 12 Uhr im Mehrgenerationenhaus, Schillerstraße 4 in Geislingen. Bei den Treffen unter der Leitung von Anita Nagl sind sowohl Frauen als auch Männer willkommen. Anmeldung bei Brigitte Wasberg unter ☎ (07331) 44 03 63. Das nächste Gruppentreffen findet nach der Sommerpause statt, am 11. September.

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