Geislingen an der Steige Eine Zeit voll drückender Erinnerungen

Karl Reif, in Südmähren geboren, berichtet am Helfenstein-Gymnasium als Zeitzeuge von der Vertreibung aus seiner Heimat. Foto: HeGy
Karl Reif, in Südmähren geboren, berichtet am Helfenstein-Gymnasium als Zeitzeuge von der Vertreibung aus seiner Heimat. Foto: HeGy
Geislingen an der Steige / ANNE TOOMEH 26.06.2013

Besonderen Besuch hatte jüngst die Klasse 9c des Geislinger Helfenstein-Gymnasiums: Karl Reif, der nach dem Zweiten Weltkrieg von Südmähren nach Geislingen gekommen war, berichtete den Schülern, wie er als 15-Jähriger die Vertreibung miterlebt hat.

Karl Reif stammt aus Rausenbruck, einem kleinen Ort in der Nähe von Znaim, dem heutigen Znojmo in Tschechien. Nach dem Krieg mussten alle dort ansässigen Deutschen das Land verlassen, sie konnten meist nur das Notwendigste mitnehmen. Im nahen Österreich sei man über das "Flüchtlingspack" genauso wenig begeistert gewesen wie in Württemberg, als die Vertriebenen im April 1946 von den Alliierten über Deutschland verteilt wurden, berichtete Reif.

Im Viehwaggon kam die Familie Reif nach Göppingen, dort wurde sie ausgeladen und nach Treffelhausen gefahren. "Wir kamen uns vor wie auf dem Sklavenmarkt", meinte Reif, als er von der Ankunft erzählte: "Die Bewohner durften uns auswählen, die Familie wurde auf vier Stellen verteilt, weil es nirgends genug Platz gab für die Eltern, den 89-jährigen Großvater und die sechs Kinder". 1952 konnten sich die Reifs ein Haus in Geislingen kaufen und wieder zusammen leben. "Wir haben uns die Achtung der Altbürger erworben, weil wir so fleißig gearbeitet haben", berichtete Reif.

Wie man sich fühlt, wenn man so behandelt wird und nichts von seiner Habe mitnehmen darf - das wollten die Schüler nun wissen. "Wie ein Mensch zweiter Klasse", beschrieb Reif seine Gefühle, "aber das war eigentlich schon seit 1918 so, weil da Südmähren an die Tschechoslowakei gefallen war. Und die haben uns Deutsche benachteiligt".

Viele der jungen Eleven konnten sich indes nur schwer vorstellen, wie es ist, in der Fremde neu anfangen zu müssen. Reif berichtete jedoch, dass der Zusammenhalt der Südmährer auch nach der Vertreibung groß war. Über Ortsbetreuer, Ortskarteien, Heimatbriefe und auch das große Bundestreffen der Südmährer in Geislingen habe man über all die Jahre hinweg Kontakt miteinander gehalten. Dazu hatte auch Reif maßgeblich beigetragen und beispielsweise Namenslisten mit persönlichen Daten über alle Rausenbrucker geführt.

Ein bisschen Wehmut und auch Trauer war herauszuhören, als Reif von den Fahrten in die alte südmährische Heimat erzählt und Fotos von damals zeigte. Auch verstehe er nicht, warum die tschechische Regierung nach wie vor das Unrecht der Vertreibung, Aberkennung der Staatsbürgerschaft und Enteignung nicht anerkennen wolle. Aber er habe doch eine neue Heimat gefunden, interessiere sich für das alte und das neue Geislingen und sei mit seiner Familie hier angekommen und daheim.