Geislingen Eine Welt zwischen Politik und Poesie

Der Schauspieler Rudi Rhode (links) und der Musiker Michael Gustorff reisen in ihrer Hommage an Rio Reiser in der Geislinger Rätsche mit  Liedern, Zitaten des Künstlers durch die Zeit. 
Der Schauspieler Rudi Rhode (links) und der Musiker Michael Gustorff reisen in ihrer Hommage an Rio Reiser in der Geislinger Rätsche mit Liedern, Zitaten des Künstlers durch die Zeit.  © Foto: Walter A. Schaefer
Geislingen / Eva Heer 12.10.2018
Rudi Rhode und Michael Gustorff reisen in ihrem Revuetheater „Zwischen den Welten“ durch das Leben des Musikers und Songschreibers Rio Reiser.

Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster / Mit müden Augen, ganz staubig und scheu / Ich bin hier oben auf meiner Wolke / Ich seh dich kommen, aber du gehst vorbei... Die Verse aus Rio Reisers Lied „Junimond“ nimmt Schauspieler Rudi Rhode als Ausgangspunkt für seine biografische Zeitreise durch dessen Leben.  „Zwischen den Welten“ nennt er das musikalische Revuetheater, mit dem er und Michael Gustorff am Bass am Donnerstag in der Reihe „Geislinger Kulturherbst“ zu Gast in der Rätsche sind.

Rhode reist chronologisch, mit Akkordeon und den markanten Songs durch das Leben Reisers. Zeigt den vor 22 Jahren verstorbenen Musiker als revolutionären 20-Jährigen im Berlin der frühen 1970er-Jahre. Als schwulen Mann, der öffentlich zu seiner Homosexualität steht. Als sensiblen Poeten, als Zweifler, Mahner,  genialen Songschreiber, der Hymnen der linksalternativen Bewegung und der Hausbesetzer-Szene textete: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ oder auch  den „Rauchhaus-Song“.

Als Musiker, der den Soundtrack zur Revolution schrieb. Als Frontmann der Band Ton Steine Scherben, die stets eng verknüpft mit Rio Reisers künstlerischem Weg und seinem privaten  Leben war. „Wir waren keine Band. Wir waren ein utopisches Projekt“, zitiert Rhode: „Wir haben alles geteilt, Geld, Menschen, Ideale. Wir hatten den Traum einer egalitären Gesellschaft“.

Rhode nimmt mit wenigen Requisiten die Rolle von Wegbegleitern und Kontrahenten ein. Ruft als „Dieter“ auf, eine Fabrik zu besetzen, um die Rätsche-Gäste in das gesellschaftspolitische Klima eines Scherben-Auftritts zu versetzen. Pocht als bebrillter Bandmanager der 1990er-Jahre auf Massenkompatibilität in Reisers Songtexten. Und er gibt, mit rosa Puschelboa, Zigarettenspitze und Hütchen, Rios Kunstfigur, mit der er in der schwulen Theatergruppe „Brühwarm“ auftrat. Dort mit dabei: Der Theatermacher, Schauspieler und  Regisseur Corni Littmann, später Vereinspräsident des 1. FC Pauli,  eng befreundet mit Rio Reiser, mit dem er den Song „Irrenanstalt“ schrieb, den Rhode mit Verve interpretierte.

Sorgsam arbeitet Rhode die Konflikte in Reisers Biografie heraus. Die inneren wie die von außen kommenden. Oft wurde Rio Reiser Verrat vorgeworfen: 1975, als er sich mit den Scherben  auf einen Bauernhof ins norddeutsche Fresenhagen zurückzog (wo die Grünen-Politikerin Claudia Roth die Band zeitweise managte). Als die Band Anfang der 80er-Jahre ihr „schwarzes Album“ herausbrachte, auf dem sich im New-Wave-Stil Songs mit Texten zu den 22 Karten des Tarots befanden (was allerdings erst im Jahr 2010 herauskam).

Als der Musiker empfindsame Songs ohne politische Botschaft schrieb. Und vor allem: als sich Rio Reiser 1986 mit seinem gleichnamigen Song zum König von Deutschland krönen ließ – wenn auch nur im Video.

Er habe seine Seele dem Klassenfeind verkauft, hieß es. Auch wenn mit dem Song alle Schulden der vor einem finanziellen Scherbenhaufen stehenden Scherben auf einmal getilgt waren: „Für seine Fans war er ein Verräter, ein Schlager-Fuzzi, ein Büttel des Kapitals“, sagt Rhode. Dabei habe Rio Reiser, etwa in seinem Song „Der Krieg ist nicht tot“ , auch später immer wieder klar politisch Stellung bezogen.

Viel Platz lassen Rhode und Gustorff Rio Reisers unverhohlener Liebe zu Liebesliedern, dessen Vorstellung, dass Politik und Poesie sich nicht ausschließen, keine Gegensätze sein müssen.

„Meine Liebeslieder haben Ecken und Kanten“, zitiert Rhode Reiser – und begeistert das Geislinger Publikum mit seinen Interpretationen von „Halt dich an deiner Liebe fest“, „Für immer und dich“ und „Junimond“ – wunderbar gefühlvolle, zeitlose Songs, die bis heute berühren.

„Der König von Deutschland tritt ab und wird wieder zu Rio Reiser“, lässt Rhode Rio Reiser sagen. Gegen Ende seines Lebens –  Reiser stirbt 1996 im Alter von 46 Jahren – verweigert sich der Künstler zunehmend dem Mainstream, dem Kommerz, der Bravo-Starschnitt-Tauglichkeit. Bitterer Hohn: Eine Werbekampagne des Media-Markt-Konzerns, der 2010  den „König von Deutschland“ für seine Zwecke in „Saubillig und noch viel mehr...“ umdichtete.

Auf der Bühne und im Publikum sind sich vermutlich alle einig: Rio muss damals auf seiner Wolke geweint haben.

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