Es ist eine kalte Oktobernacht in Geislingen. Am Himmel steht hell der zunehmende Mond, halb verdeckt von vorbeiziehenden Wolken. Auf den Straßen sind vereinzelt Kindergruppen unterwegs; sie streiten sich lachend darum, wer die besten Süßigkeiten bekommt. Ihre Stimmen sind das einzige Geräusch in der stillen Dunkelheit, die vielen grausigen Gestalten Deckung bietet. Mit einem Mal verstummt das Gelächter der Kinder. Stattdessen schreien sie, rennen in alle Himmelsrichtungen davon. Eine dunkle Gestalt folgt ihnen. Ein Mädchen dreht sich um, übersieht den Bordstein und stolpert. Ihre Hose ist an den Knien kaputt, Blut färbt die Stofffetzen. Die Gestalt bleibt vor ihr stehen. Unter dem Gesicht der Horrorfigur Freddy Kruger taucht ein junger Mann auf, der vor Schreck ganz blass geworden ist – er hat sich doch nur einen Spaß erlaubt!

Vorfälle wie diese häufen sich um und an Halloween. In Geislingen wurde bereits ein Horrorclown gesichtet; die Zehnjährige, die er erschreckte, blieb unverletzt. Ganz anders sah es hingegen in Eislingen aus: Dort brach sich ein 13-jähriges Mädchen das Bein, als es vor einem Clown weglief. Was hat es mit diesen Fratzen auf sich, die im  Gehirn einen Schalter umlegen und uns zum Wegrennen zwingen?

Dr. Niklas Gebele, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz im Christophsbad in Göppingen, klärt auf: „Bei einem Maskenträger fehlt die nonverbale Kommunikation durch Mimik. Wir können ihn so nicht einschätzen; uns fehlt die Information, ob der Maskierte aggressiv ist oder nur einen Scherz macht.“ Das Clown-Motiv sei außerdem besonders furchteinflößend wegen des stereotypen Gesichtsausdrucks, der ein Lächeln sein soll, was aber als solches nicht erkannt werde.

Ohne die Maske, die einen gewissen Schutz durch Anonymität bietet, würden die wenigsten Leute diese Spielchen treiben. Bei Menschen, die Masken tragen – aber auch im Internet  oder in Menschenmassen unerkannt bleiben – komme es zu einem De-Individuations-Effekt. „Soziale Hemmungen werden abgebaut, die Maskierten neigen zu extremen Handlungen“, erklärt Gebele das Phänomen.

Unfallgefahr steigt

Solche Vorfälle können Kinder meist gut alleine einordnen und verarbeiten; den Eltern wird empfohlen mit ihrem Nachwuchs darüber zu reden und zu erklären, dass Gruselclowns ihnen nichts antun wollen. Nichtsdestotrotz sind solche Späße nicht harmlos. Ganz im Gegenteil: Sie sind strafbar, die Unfallgefahr ist stark erhöht. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ein verängstigtes Kind auf eine Straße rennt.

Auf der anderen Seite können und sollen Verkleidungen auch Spaß machen. Das Schöne daran sei, eine ganz bestimmte Identität anzunehmen und schauen zu können, wie sich das anfühlt, sagt der Göppinger Jugendpsychiater. „Wenn sich beispielsweise Kinder als Monster verkleiden, ist das von der Realität sehr weit entfernt. Im Alltag nehmen sie die Rolle der Schwächeren und Kleineren ein, aber mit einer Monster-Maske können sie in die Position von etwas Mächtigem schlüpfen“, erklärt der Experte aus dem Christophsbad.

Die Suche nach Reizen

Im Allgemeinen sei dieses Kostümieren aber nichts anderes als ein Spiel, „und Spielen ist gesund“, resümiert der Experte. Sich ein bisschen zu gruseln, sei auch nicht gefährlich. „Der Mensch erlebt es als schön, intensive Gefühle zu haben – zum Beispiel Angst. Wenn das alles in einem gewissen Rahmen geschieht und man weiß, dass nichts passieren kann, ist so etwas schön.“ In der Fachsprache nennt sich das „sensation seeking“, also die Suche nach Reizen, bei dem unter anderem der Botenstoff Adrenalin beteiligt ist.

In diesem Sinne: Kostümieren und Erschrecken sind an sich gesunde Dinge, solange man es nicht zu weit treibt.

Auf was Eltern achten sollen


Viel Geld Die Deutschen geben einer Studie zufolge für das anstehende Halloween fast eine halbe Milliarde Euro aus. Mit einem Anteil von 51 Prozent werden für das Fest vor allem Süßigkeiten gekauft, wie die am Freitag vom Marktforschungsinstitut YouGov veröffentlichte Studie ergab. Auch der klassische Kürbis (40 Prozent) werde stark nachgefragt. Schminkartikel oder Halloweenkostüme wollen dagegen nur 16 Prozent der Fans des Fests anschaffen. Der Studie zufolge ist Halloween kein Fest nur für Kinder. 56 Prozent der 18- bis 24-Jährigen und 41 Prozent der 25- bis 34-Jährigen zählen sich demnach zu den Fans. Insgesamt wolle mehr als jeder Vierte (28 Prozent) etwas mit Bezug zu Halloween unternehmen. ran/cfm