Ein wagemutiger Arzt und Christ

SWP 24.04.2014

Heinrich Landerer bewies eine gehörige Portion Mut, als er am 1. Mai 1852 in politisch unruhigen Zeiten das Christophsbad eröffnete. Zu seinem 200. Geburtstag ehrt die private Klinik ihren Gründer als gläubigen Christen, Arzt, Unternehmer und Wegweiser.

Von

Susann Schönfelder

Heinrich Landerer war ein Visionär. In einer Zeit, als die Psychiatrie in Württemberg noch in den Kinderschuhen steckte, wagte der Mediziner einen mutigen Schritt: Er eröffnete am 1. Mai 1852 die "Heil- und Pflegeanstalt für Gemüths- und Geisteskranke" in Göppingen, das Christophsbad. Drei Patienten wurden hier zunächst versorgt. Landerer und seiner Frau Thekla, die ihn von Anfang an unterstützte, war es wichtig, eine Einrichtung zu etablieren, die "nicht nur Irrenanstalt, sondern auch ein Haus des christlichen Sozialismus" sein sollte, heißt es in der Festschrift, die das Christophsbads zum 200. Geburtstag seines Gründers herausgebracht hat. Landerer galt als gläubiger Mensch, für den nicht der medizinisch-wissenschaftliche Ehrgeiz im Vordergrund stand. "Sein ärztliches Tun orientierte sich an einem christlich-humanen Menschenbild und sozialer Verpflichtung", wird der Mediziner in der aktuellen Festschrift charakterisiert.

Diese Werte hatten ihm seine Eltern und Geschwister mitgegeben. Heinrich Landerer wurde am 28. August 1814 in eine protestantische Pfarrfamilie geboren und wuchs in Walddorf bei Tübingen auf. Zwei deutlich ältere Brüder studierten Theologie und waren später Dekan in Ulm beziehungsweise Theologieprofessor in Tübingen. Der junge Heinrich wurde im Elternhaus und im Pfarrhaus des ältesten Bruders in Biberach erzogen und zum Teil auch unterrichtet, besuchte zwei Jahre lang das Gymnasium in Stuttgart und machte dort im Alter von 18 Jahren das Abitur.

Anschließend studierte Landerer Medizin und lebte in dieser Zeit noch bei den Eltern. Hier lernte er Gustav Werner, später Gründer des Reutlinger Bruderhauses, kennen. Beide Männer verband das ganze Leben eine enge Freundschaft und eine christlich-soziale Haltung. Zur Schwester Gustav Werners, Thekla, knüpfte Landerer zarte Bande und heiratete sie später. Aus der sehr glücklichen Ehe entstanden nicht nur sechs Kinder. Thekla sei mit ihrer "lebensklugen, realistischen Haltung" auch zeitlebens "ein verlässlicher Anker" gewesen, heißt es in der Festschrift des Christophsbad.

Nach dem Abschluss des medizinischen Staatsexamens wurde Landerer nicht sofort "sesshaft": Er unternahm Studienreisen nach Paris und Zürich, bevor er sich - mit 24 Jahren - als Arzt in Göppingen niederließ und 1839 Oberamtswundarzt wurde. Bereits im selben Jahr kaufte Landerer mit zwei Partnern das Göppinger Bad und gründete eine Wasserkur-Anstalt "für jedermann", die er in Erinnerung an den einstigen Förderer des Bades, Herzog Christoph, "Christophsbad" nannte. Der erste Schritt in die Selbstständigkeit ging jedoch schief: Der wirtschaftliche Erfolg blieb aus, die Partner sprangen ab.

So übte Heinrich Landerer weiterhin seinen Beruf als Oberamtswundarzt aus. Zunächst nahm er stationär - seine Familie griff ihm dabei unter die Arme - Patienten mit orthopädischen Beschwerden auf, später widmete er sich psychisch kranken Menschen. Irgendwann konnten Landerer und seine Familie die Arbeit nicht mehr stemmen - die Idee, eine Heil- und Pflegeanstalt zu gründen, war geboren.

Ob der Arzt ohne sein tiefes Gottvertrauen diesen Schritt gegangen wäre? Heinrich Landerer trotzte allen Widerständen: den politisch unruhigen Zeiten, fehlendem Kapital, der damaligen Skepsis gegenüber der Psychiatrie. Die nachnapoleonische Zeit war geprägt von der Auseinandersetzung adlig-konservativer Kräfte und liberaler Tendenzen des aufstrebenden Bürgertums. Zudem riss die Industrialisierung den zu 70 Prozent in der Landwirtschaft tätigen Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Die neue, industriell geprägte Gesellschaft bot der Bevölkerung nicht die sozialen Strukturen wie bisher.

Die Einwohnerzahl wuchs, Seuchen wüteten. Armut, Arbeitslosigkeit und psychische Not betrafen vor allem die Schwachen, Behinderten und Kranken. "Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts wurden psychisch Kranke nicht mehr gemeinsam mit Verbrechern und Herumtreibern eingesperrt", beschreiben die Autoren der Festschrift die damalige Zeit. Bis dahin hatte die Medizin Zwang und Bestrafung als therapeutisch nützlich bewertet. Überhaupt wurde die Psychiatrie damals noch nicht lange als medizinische Disziplin verstanden.

Ab 1800 wurden in Deutschland nach und nach von Ärzten geleitete, separate Einrichtungen für psychisch Kranke eingerichtet. In Württemberg waren die stationären, psychiatrischen Pflegeplätze knapp - ein Mangel, mit dem betroffene Patienten auch heute konfrontiert werden. Heinrich Landerer wollte seinen Teil dazu beitragen, dass seelisch kranken Menschen geholfen wird - und zwar individuell auf die jeweiligen Patienten zugeschnitten. Dafür ging er das Wagnis ein, sich Geld zu leihen. 1853 erhielt er ein erstes, mit einer Aufnahmeverpflichtung für eine bestimmte Patientenzahl verbundenes Staatsdarlehen, dem weitere folgten. Auch zahlreiche Neubauten und der Kauf des Freihofs finanzierte Heinrich Landerer mit Bankkrediten.

Wirtschaftlich fußte das Unternehmen damals auf drei Säulen: der Anstalt mit ihren Pflegeerlösen, der Mineralwasserproduktion und dem landwirtschaftlichen Besitz. Dieser ermöglichte eine weitgehende Selbstversorgung und bot den Banken Sicherheit. Zudem diente die Landwirtschaft als Arbeitstherapie für die weitgehend aus bäuerlichen Verhältnissen kommenden Patienten. Eigene Handwerksbetriebe, eine Bäckerei und eine Metzgerei kamen dazu.

Ohne treues und tüchtiges Personal konnte Landerer das Christophsbad natürlich nicht führen. Die "sorgfältige Auswahl der Mitarbeiter sowie eine wohltuende Atmosphäre" seien dem Medizinalrat von Anfang an wichtig gewesen, heißt es in der jetzt herausgebenen Broschüre zu seinem 200. Geburtstag. Der Arzt sei kein Verfechter bestimmter therapeutischer Ideologien gewesen, vielmehr habe er Wert gelegt auf eine persönliche, familiäre Atmosphäre der Nächstenliebe, Geborgenheit, Achtung und Gerechtigkeit. Auch Ausflüge, gesellige Abende, Konzert- und Theateraufführungen sowie die kirchliche Seelsorge gehörten für Landerer zur Behandlung der Patienten. Bis zu seinem Tod am 8. Februar 1877 baute er das Christophsbad zu einer Einrichtung mit mehr als 400 Betten aus und stellte damit mehr als die Hälfte aller Psychiatriebetten in Württemberg. Heute hat die Klinik insgesamt 944 Plätze - Betten inklusive Plätze der Tageskliniken.

Seine Arbeit führten seine Frau Thekla und die Söhne fort. Bis heute ist das Unternehmen in Familienhand - der Gesellschafterkreis umfasst rund 70 Nachfahren Landerers der vierten bis siebten Generation. Sie alle würden sich "zur zeitgerechten Weiterentwicklung" bekennen, heißt es in der Festschrift. Die von Landerer gelebten Werte hätten aber bis heute Gültigkeit. So wie der Gründer der Heil- und Pflegeanstalt als Christ, Arzt, Unternehmer und Wegweiser Akzente setzte, so wolle das Christophsbad heute "menschlich, medizinisch, technisch und gesellschaftlich" seinen Weg gehen. Dabei sei es wichtig, Nachhaltigkeit, Qualität und ökonomischen Erfolg in Einklang zu bringen.

Zum 200. Geburtstag wollen Führungskräfte, Mitarbeiter und Gäste innehalten und an Heinrich Landerer erinnern - diesen mutigen Arzt und Unternehmer, der sich und seiner Idee vertraut und große Spuren hinterlassen hat.

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