Kontinuität Ein Team für den Geislinger Ödenturm

Seit 50 Jahren hält ein Ehrenamtlichen-Team den Geislinger Ödenturm offen – mit dabei Horst Messerschmidt (links) und Wolfgang Heldele an einem der Aussichtsfenster im Ödenturmzimmer. Foto: Claudia Burst
Seit 50 Jahren hält ein Ehrenamtlichen-Team den Geislinger Ödenturm offen – mit dabei Horst Messerschmidt (links) und Wolfgang Heldele an einem der Aussichtsfenster im Ödenturmzimmer. Foto: Claudia Burst © Foto: Claudia Burst
Claudia Burst 13.10.2016
Dank des Albvereins können Besucher den Geislinger Ödenturm seit 50 Jahren besteigen. Vor allem Kindern gefällt die Turmstube mit dem Blick über die Stadt.

Die 118 Holzstiegen ächzen und knarren, als Horst Messerschmidt und Wolfgang Heldele auf ihnen nach oben ins Turmzimmer des Ödenturms steigen. Die Männer dagegen machen das locker, beim Treppensteigen merkt man ihnen ihre 79 beziehungsweise 73 Jahre nicht an. Na ja, das wundert nicht wirklich, immerhin war Ehrenvorsitzender Horst Messerschmidt 36 Jahre lang der Vorsitzende der Geislinger Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins, Heldele versieht seit 25 Jahren die Aufgabe des Turmwarts. Als solcher sorgt er dafür, dass jeden Sommersonntag ab 1.Mai bis zum letzten Sonntag im Oktober jemand den Ödenturmdienst übernimmt. Dank dieses Ehrenamts können Besucher aus der Region und der ganzen Welt seit 50 Jahren jeden Sonntag den trutzigen Wehrturm der Helfensteiner besteigen, von dort die traumhafte Aussicht genießen und sich über die spannende Geislinger Vergangenheit informieren.

Ein Ausflugsziel, das gefragt ist. Bis zu 200 Erwachsene und Kinder suchen sich den Ödenturm an schönen Sommertagen als Ausflugsziel aus. Viele davon kommen von weit her, wie arabische und chinesische Schriftzeichen im Gästebuch oder italienische und ukrainische Einträge beweisen.

An Ostern 1966 war der Ödenturm dank des Einsatzes der Mitglieder der Albverein-Ortsgruppen Geislingen und Altenstadt wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Am 1. Mai 1966 waren es über 500 Besucher, die die heute fast 100 Jahre alten Treppenstufen auf dem Weg nach oben und zurück quälten. Die Original-Stufen waren nach einem Blitzeinschlag im Januar 1921 einem Feuer zum Opfer gefallen. „Trotz Wirtschaftsflaute und Inflation haben die Geislinger damals genug Geld gespendet, dass sowohl die zerstörten Treppen als auch der Turmhelm und das Turmzimmer neu gebaut werden konnten“, berichtet Horst Messerschmidt.

Das ist eine der Geschichten, die die Turmdienste interessierten Wanderern erzählen, wenn diese nachfragen. Viele Besucher reden aber gar nichts, bewundern einfach die Aussicht und informieren sich nur über die Aushänge an den Wänden. Dort ermöglichen dank Stadtarchivar Hartmut Gruber historische Fotos und geschichtliche Abhandlungen einen Blick in die Vergangenheit. Auch ein Stammbaum der Helfensteiner, der bis auf deren Stammvater Rudolf I  im Jahr 861 zurückgeht und von Albert Schuhholz entworfen wurde, fasziniert die erwachsenen Besucher.  Kinder lieben besonders die Bilder, die die Belagerung der Burg Helfenstein mit einer Kanone im Jahr 1552 zeigen. Darunter liegen echte Kanonenkugeln aus Stein und Eisen, die bei Burgausgrabungen gefunden wurden und sogar angefasst werden dürfen. Außerdem hängen hier im Turmzimmer weitere Fundstücke aus dem Ritterdasein der Helfensteiner, wie etwa ein verrostetes  Schwert, eine Türangel oder Ofenkacheln. „Hier will ich bleiben wie Rapunzel, hier gefällt’s mir“, hat erst kürzlich ein kleines Mädchen bei der Sonderführung einer Schulklasse zu Wolfgang Heldele gesagt. Als ihre Lehrerin einwandte, was sie denn aber machen wolle, wenn sie auf die Toilette müsste, wusste der Klassenkamerad des Mädchens sofort die Lösung: „Kein Problem, da pinkelt man halt aus dem Fenster“. Heldele lacht. Solche und andere Anekdoten gibt es im Lauf von 50 Jahren einige.Dass es den Kindern gefällt, zeigt auch einer der Einträge im Gästebuch, in der sich eine Ulmer Familie für „den wundervollen Blick vom Ödenturm“ bedankt und ihr Sohn Robin Tim darunterschrieb: „ebenfalls Danke für die tollen Geschichten des Turmwächters“. „An dem Tag hatte Dr. Jörg Mühlhäuser, unser wandelndes Geschichtsbuch, Turmdienst“, erklärt Heldele schmunzelnd. Die meisten der 40 Ehrenamtlichen – nicht alle gehören zur Albverein Ortsgruppe Geislingen – kennen sich zumindest ein wenig mit der Ödenturm-Historie aus, weil sie immer wieder Zeit finden, selber in die Vergangenheit an der Turmzimmerwand einzutauchen. Ab und zu sind nämlich auch gar keine Besucher im alten Turm, wie der Turmbucheintrag vom 25. August 2013 beweist: „Bei hoffnungslosem Sauwetter mit Nebel und Regen, teilweise sogar mit Schnee gemischt, wurde Turm um 11.30Uhr wieder verriegelt…“ Tage mit wenigen Gästen nehmen manche der fleißigen Turmdienstler zum Anlass, bei Bedarf auch mal Fenster zu putzen oder  die Stiegen sauber zu kehren. „Mir macht der Turmwart-Dienst nach wie vor Spaß“, betont Wolfgang Heldele, der diesen Job vor 25 Jahren von Esther Trautmann übernommen hat. Damit das allen Turm-Ehrenamtlichen genauso geht, organisiert er jeden Herbst eine Dankeschönausfahrt.

Ehrenamtliche für den Turmdienst

Wer Interesse daran hat, ein- oder mehrmals im Jahr an einem Sonntag einen halben Turmdienst (3,5 Stunden) zu übernehmen, kann sich bei Wolfgang Heldele melden, unter ☎ (07331) 96 04 27. Eine Mitgliedschaft beim Albverein ist keine Voraussetzung.