Geislingen an der Steige Ein Schulhaus hinter Glas

Kamine künftig überflüssig: Das Michelberg-Gymnasium soll mehr Energie produzieren als es braucht - unter anderem mithilfe einer vorgesetzten Glasfassade. Fenster öffnen sich dann nur noch in den schmalen Zwischenraum, die Belüftung sollen die physikalischen Gesetze regeln. Foto: Markus Sontheimer
Kamine künftig überflüssig: Das Michelberg-Gymnasium soll mehr Energie produzieren als es braucht - unter anderem mithilfe einer vorgesetzten Glasfassade. Fenster öffnen sich dann nur noch in den schmalen Zwischenraum, die Belüftung sollen die physikalischen Gesetze regeln. Foto: Markus Sontheimer
MANFRED BOMM 19.06.2013
Das ganze Michelberg-Gymnasium hinter Glas: Damit wird eine teure Fassaden-Sanierung vermieden sowie Strom und warmes Wasser produziert. Geislingen setzt auf neueste Technologie.

Alles klingt fantastisch, beinahe zu schön, um wahr zu sein: Ein Gebäude, das mehr Energie erzeugt, als es selbst benötigt - das Michelberg-Gymnasium als Kraftwerk. Stadtbaumeister Karl Vogelmann lässt aber nach eingehender Prüfung des Projektentwurfs keinen Zweifel aufkommen: "Ich bin von dieser Technik überzeugt."

Viele Beispiele gibt's noch nicht. Um die Technologie kennenzulernen, mussten Vogelmann und Vertreter der Gemeinderatsfraktionen nach Nordrhein-Westfalen und in die Schweiz reisen. Dort hat ihnen der einstige Architekt des 1974 erbauten Michelberg-Gymnasiums, Dr. Horst Höfler aus Stuttgart, das Fassadensystem "Lucido" vorgestellt, das der Schweizer Giuseppe Fent patentieren ließ. Dieser habe bereits dreimal den Solarpreis der Schweiz erhalten, betont Vogelmann. Fents System soll den Geislingern eine teure Sanierung der desolaten Metallfassade des Schulgebäudes ersparen - und hervorragende Dämmwerte bescheren. Außerdem wird ein Großteil des undichten Flachdachs durch Solar-Kollektoren-Aufbauten ersetzt.

Statt der ursprünglich geschätzten Sanierungskosten von 16,8 Millionen Euro errechnen sich nun rund elf Millionen - plus Heizkostenersparnis und Einnahmen aus dem künftigen Stromverkauf. Ein angedachter Neubau (25 Millionen) war schnell vom Tisch, nachdem das Land dafür keinen Zuschuss bewilligen wollte.

Nun wird das Gymnasium also komplett hinter Glas gestellt und gleichzeitig energetisch saniert. Das Prinzip: Ist die Fassade mit einer Dämmschicht versehen, wird eine Holzverkleidung aufgebracht, die aus einer gleichmäßigen, eng beieinander liegenden Noppenstruktur besteht. Bei der Draufsicht erinnert sie an unzählige Kämme. Somit entsteht in der Summe eine große Oberfläche, mit der sich viel Sonnenwärme einfangen lässt.

Weil im Abstand von etwa sechs Zentimetern die Glashülle vorgebaut ist, bildet sich darin ein Luftpuffer, dem eine wichtige Funktion zukommt: Im Winter hat er eine dämmende Wirkung, im Sommer sorgen Klappen für entsprechende Lüftung. Dies reicht nach Meinung des Architekten zu jeder Jahreszeit für alle Räume aus.

Denn die Fenster des Schulhauses lassen sich zwar weiterhin öffnen - aber eben nur in den "Glaszwischenraum" hinein. Dort steigt die Luft nach dem Prinzip der Kaminwirkung nach oben - auch angesaugt von sogenannten Venturiflügeln, die an der Fassadenkante zum Flachdach montiert sind. Geformt wie Flugzeugflügel, erzeugt an ihnen die Umgebungsluft einen Sog.

Die oft schon geäußerte Sorge, diese Art der Klassenzimmer-Lüftung könnte im Sommer nicht ausreichen, glaubt Vogelmann entkräften zu können: Die eintretende Luft werde nämlich am Boden über eine ums Gebäude führende Rinne geleitet, in der sich das Regenwasser sammle. Dabei entstehe Verdunstungskälte, mit der sich die angesaugte Luft um drei bis vier Grad abkühle.

Fällt dieses Kühlsystem mangels Regenwassers aus, sorgen laut Vogelmann CO2-Messgeräte in den Klassenzimmern dafür, dass sich in der Verglasung Lamellen öffnen. Zusätzlich kann über Ansaugrohre weitere Frischluft zugeführt werden. "Damit gibt es in allen Klassenzimmern eine gleichbleibende gute Raumluft, immer abgestimmt auf die Verhältnisse", versichert Vogelmann. Eine Klimaanlage sei also nicht erforderlich.

Im Winter sorge eine Flächenstrahlheizung - an den Wänden überputzt - für Wärme. Diese werde das ganze Jahr über von einer Solar-Anlage auf dem Dach eingefangen und in Form heißen Wassers tief im Boden gespeichert. Dazu wird laut Vogelmann kein Behälter vergraben, sondern auf einer kreisrunden Fläche ein Langzeitspeicher ins Erdreich getrieben, bestehend aus vielen einzelnen Bohrlöchern (Abstand jeweils drei Meter) und bis zu 100 Metern tief. In diesen Röhren soll das Heizungswasser bis zu zwei Jahre warmhalten.

Zur Stromerzeugung werden entlang der fensterlosen Fassadenflächen, an schrägen Oberlichtern und auf einem Teil des Flachdachs Fotovoltaik-Elemente angebracht. Die Abdichtung des Dachs erfolgt nicht mehr mit einer bituminösen Schicht, sondern mit UV-beständiger Folie. Und im Bereich der Solarkollektoren sorgen ein Glasdach und die Module selbst für den weiteren Schutz vor Regenwasser.

Unterm Strich, davon ist Vogelmann überzeugt, wird das Michelberg-Gymnasium so viel Strom und Wärme erzeugen, dass übers Jahr gesehen ein Überschuss entsteht, der über die Einspeisevergütung ein finanzielles Plus ergibt. Falls die weitere Planung die bislang ausgewiesenen Zahlen bestätigt, rechnet Vogelmann damit, dass sich die Investition durch Senkung der Betriebskosten sehr schnell amortisiert.

Um zu sehen, ob die bauphysikalischen Daten fürs Michelberg-Gymnasium tatsächlich stimmen, wird noch in diesem Jahr ein kleines Stück Fassade zu Testzwecken verglast.

Dass kürzlich in einem anonymen Schreiben behauptet worden war, Architekt Höfler, inzwischen 71 Jahre alt und Professor an der Universität Siegen, habe offenbar vor fünf Jahren bei einem ähnlichen Projekt in Nordrhein-Westfalen Schiffbruch erlitten, schreckt die Verantwortlichen im Rathaus nicht ab. Denn in diesem Fall, so die Einschätzung von Oberbürgermeister Wolfgang Amann, hätten wohl parteipolitische Hintergründe eine Rolle gespielt.