Waldhausen Ein Kleinod mit globalem Starpotenzial

Zwei Hingucker: vor dem Waldhausener Bahnhofsgebäude steht eine Blumenskulptur, eine Schöpfung der Geislinger Stadtgärtnerin Sonja Thebault.
Zwei Hingucker: vor dem Waldhausener Bahnhofsgebäude steht eine Blumenskulptur, eine Schöpfung der Geislinger Stadtgärtnerin Sonja Thebault. © Foto: Jochen Weis
Waldhausen / Jochen Weis 21.06.2018
Waldhausens Bahnhof ist auf dem Weg zur Szene-Größe: Faller hat ihn als Miniatur aufgelegt. Vor Ort gibt es Kunst beim Bau.

Reiner Strehle ist selig. „Eine tolle Idee“, schwärmt Waldhausens Ortsvorsteher. Und: „Das hat das Zeug zum Wahrzeichen.“ Was ihn so in Verzückung versetzt, ist eine Skulptur von Geislingens Stadtgärtnerin Sonja Thebault, ein Wegweiser in alle Himmelsrichtungen, aufgestellt beim Bahnhof, der noch bis weit in vergangene Jahrhundert hinein das Tor des Geislinger Stadtbezirks zur weiten Welt war. Der Wegweiser ist gesäumt von Blumen und alten Koffern, außerdem behängt mit Reisetaschen, Hufeisen, einem Flachmann – was der Älbler bekanntlich standardmäßig im Gepäck hat – sowie einem Modellzügle aus Holz auf einem der Wegweiser-Pfeile.

In den vergangenen Jahren hatte beim Bahnhof ein alter Sparherd gestanden, „der kam aber nun weg, um ihn wieder gründlich herzurichten, dem hatten Wind und Wetter zugesetzt“. Ergo musste Ersatz her – weshalb Thebault die Blumen-Skulptur ersann. „Das passt thematisch einfach ganz toll zum Bahnhof“, erzählt sie. Auf dem Weg zur Vollendung mussten sie und ihr Kollege Peter Starosta ein nicht unwesentliches Problem meistern. „Ich wollte ganz bewusst solche Lederkoffer, wie man sie früher hatte. Alles andere hat keinen Charme und passt nicht dorthin“, erklärt die Stadtgärtnerin. Allerdings sind solche Koffer kaum mehr aufzutreiben, „ich habe bei allen möglichen Leuten nachgefragt, aber niemand mehr hatte welche zu Hause stehen. Bei allem anderen war’s ähnlich“.

Doch Gott sei Dank gibt es den Sperrmüll, wo sie wie letztlich bei allen Utensilien fündig wurde. „Wir sind rumgefahren und haben die Augen offen gehalten“, erzählt Thebault, „man kann also sagen, in Waldhausen ist ein Kunstwerk aus Müll entstanden“. Lediglich das Holzzügle stammt aus privaten Thebault’schen Beständen, „das hat mal meiner Tochter gehört“. Damit das Objekt mehr als nur einen Sommer übersteht, haben es Thebault und Starosta auf eine Palette gestellt, damit kann es im Spätherbst einfach ins Winterquartier im Geislinger Bauhof verfrachtet werden.

Bis dahin kündet es aber allen Besuchern des Ortes vom Waldhausener Tor zur Welt, dem nun eine ganz besondere Ehre zuteil geworden ist und das  zumindest unter Modelleisenbahnern globale Berühmtheit erlangen könnte: Die Firma Faller hat das Bahnhofsgebäude als Miniatur für die Modelleisenbahn-Spuren H0 und N herausgebracht. Was sich vielleicht etwas unspektakulär anhören mag, bekommt ein ganz neues Gewicht, wenn man sich mal die reinen Fakten vor Augen führt: 188 Neuheiten hat das Gütenbacher Unternehmen zuletzt herausgebracht. „Davon sind etwa die Hälfte Gebäudemodelle“, erklärt Entwicklungsleiter Hendrik Mielke. Doch bei der Spur H0 beispielsweise – das ist der Maßstab 1:87 – gibt es gerade mal fünf bis sechs bahnnahe Themen bei diesen Neuheiten, worunter auch die Bahnhofsgebäude fallen.

Weshalb aber hat Faller gerade das von Waldhausen ausgesucht? „Die Nebenstrecke Amstetten-Gerstetten ist uns vor ein paar Jahren aufgefallen“, erzählt Mielke, „wir haben dazu immer wieder Vorschläge bekommen“. Auch hier sollen Zahlen sprechen: Rund 200 solcher Nennungen gehen laut Mielke täglich bei Faller ein, „da sind natürlich viele Mehrfachnennungen dabei“. Dass sich die Firma aus dem Schwarzwald unter unzähligen Vorschlägen letztlich für ein Gebäude von der Schwäbischen Alb entschieden hatte, lag daran, dass – Mielke – „entlang dieser Strecke dasselbe Gebäude in unterschiedlichen Ausführungen vorkommt“. Von diesen Nebenbahnhöfen, an denen noch Vorbildgebäude für Modelle stehen, gebe es nicht mehr viele. Zudem spielte ein ganz pragmatischer Grund eine Rolle: „Das Gebäude hat eine schöne Größe.“ Nehme man die großen Hauptbahnhöfe, seien die Modelle im Maßstab 1:87 gleich mal mehrere Meter lang. Das Waldhausener H0-Bahnhöfle dagegen ist gerade mal 9,6 Zentimeter lang und 6,3 Zentimeter breit.

Während es sich nun auf dem Erdball noch herumsprechen muss, welches Kleinod in Einheitsbauweise in Waldhausen steht, haben die Ulmer Eisenbahnfreunde (UEF) den Wert längst erkannt. Sie hatten 1997 den Betrieb der Nebenstrecke übernommen, auf der die Württembergische Eisenbahn-Gesellschaft (WEG) den Personenverkehr im Jahr davor eingestellt hatte. Seither rollt auf der Lokalbahn von Frühling bis Herbst an Sonn- und Feiertagen ein historischer Dampfzug und ein ebenso historischer Dieseltriebwagen. Vor drei Jahren starteten die UEF eine Zusammenarbeit mit den Gosbacher Gastronomen Andreas und August Kottmann, den kulinarischen Alb-Express, die nächste Fahrt ist am Samstag.

Und da ist der Waldhausener Bahnhof – selbstredend – einer der Protagonisten. Nach Sekt und Häppchen in Amstetten gibt es in Waldhausen ein Vorspeisenbüfett, nach dem Hauptgang in Gerstetten folgt bei der Rückfahrt wiederum in Waldhausen das Nachspeisenbüfett.

„Die Voraussetzungen dort sind ideal. Der Bahnhof liegt genau in der Mitte der Strecke, seine Lage ist herrlich – und man hat dort viel Platz“, sagt Organisator Gerold Nagel. Bis von Köln, Mannheim oder München reisen die Gäste zu diesem jährlich stattfindenden Highlight an, bei dem die Teilnehmerzahl aktuell auf 155 begrenzt ist. „Mehr geht nicht, das ließe sich logistisch nicht mehr machen“, sagt Nagel. Nun also können sich diese 155 Gourmets außer an einem opulenten Menü gleich noch doppelt am Bahnhof-Kleinod Waldhausen und seinem neuen Kunstwerk erfreuen, das es – der einzige Wermutstropfen – noch nicht als Miniatur gibt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel