London/Geislingen Ein Geislinger in London (7): Böser Schnee

Für unsere englischen Freunde ist das ein Bild des Grauens: Schnee – und dann noch auf der Straße! Oh je!
Für unsere englischen Freunde ist das ein Bild des Grauens: Schnee – und dann noch auf der Straße! Oh je! © Foto: Maximilian Tkocz
London/Geislingen / Maximilian Tkocz 12.03.2018
Bereits wenige Schneeflocken versetzen London in einen Ausnahmezustand. Maximilian Tkocz über ein absurdes Phänomen.

Der Geislinger Jugendjournalist Maximilian Tkocz erkundet London und entdeckt viele Besonderheiten. In der siebten Folge erzählt er von einer besonders großen Gefahr für London: Schnee.

Beeindruckend unbeeindruckt reagierten die Londoner auf den Terroranschlag im Juni 2017. Für ihre abgeklärte Haltung sind die Briten zwar bekannt, dennoch war es erstaunlich, wie gewohnt der Londoner Alltag weiterging. Besonders, wenn man die hysterischen Berichte in den Medien gehört hatte.

Die Emotionen kochten erst hoch, als das amerikanische Nachrichtenfernsehen Fox News twitterte: „One man can shut down a city...“

Empört meldeten sich die Briten zurück, die mit dieser Aussage überhaupt nicht einverstanden waren: „Es wurde nur eine einzige U-Bahn-Station geschlossen!“ Auf Twitter hieß es gar: „Ich bezweifle, dass der Anschlag ein einziges Pub zum Schließen gebracht hat!“

Nein, Terroranschläge sind es wahrlich nicht, die London aus dem Ruder bringen können. Paradox, dass ausgerechnet Mutter Natur den Alltag der britischen Hauptstadt durcheinander bringen kann, wahrscheinlich mehr, als jede andere deutsche Großstadt – dazu noch mit dem berechenbarsten Nebenprodukt des Winters: Schnee.

Das unbekannte Wetterphänomen

Fairerweise muss man jedoch hinzufügen, dass Schnee in London – anders als im Schwabenländle – eher unbekannt ist, da die Temperaturen im Winter oft über dem Gefrierpunkt liegen: Hier bleibt der Schnee ungefähr so oft liegen, wie die englische Nationalmannschaft im Elfmeterschießen gewinnt. Also fast nie.

Doch kürzlich war es wieder so weit: Eine feine – lächerlich feine – Schneedecke legte die Großstadt lahm. Wer hätte gedacht, dass es westlich von Stuttgart21 noch jemanden gibt, der vom Schneefall mehr überrascht wird als die Deutsche Bahn. Sensationell.

Panisch entdeckten die Londoner am Morgen, dass die Straßen weiß bedeckt waren. Jeder wusste schon, dass sich dieser Tag zum Ausnahmezustand entwickeln würde: Die meisten U-Bahn wurden gestrichen, nur wenige Busse fuhren, Taxis kosteten fünfmal so viel wie sonst. Es war vollkommen verständlich, wenn man wegen des Wetters nicht zur Arbeit kommen konnte. Wer dennoch sicher von A nach B kommen wollte, musste laufen und rutschte – wenn er Pech hatte – auf den ungeräumten Gehwegen aus.

Engländer im Ausnahmezustand

Die so robusten Londoner schienen hilflos. Was tun wir mit Schnee? Wir haben keinen Schneepflug. Schneeschippe – was ist das? Nicht einmal die Post kam an dem Tag. Schulen und Kindergärten wurden früher geschlossen. Die Eltern konnten ihre Kinder auch unverzüglich abholen, „falls Sie wegen des Wetters besorgt sind“. Besorgt wegen 5 Zentimeter Schnee – das darf man fast keinem erzählen.

Sogar das Fußballtraining am Nachmittag wurde abgesagt. „Aber das findet doch in der Halle statt, oder nicht?“ – „Ja, aber man muss ja dort hinkommen.“ – „Ach so, das ist natürlich unzumutbar, da hast du Recht!“

Für die Wirtschaft hingegen ist das Schneewetter in London keine Lachnummer – dass nur wenige solcher Tage ernsthafte finanzielle Folgen haben kann, zeigte das letzten Schnee-Dilemma 2009, welches die englische Wirtschaft laut dem „Telegraph“ über 3 Milliarden Pfund kostete.

Hoffentlich kaufen sich die Terroristen nicht bald Schneekanonen, denn dann müssten wir uns wirklich um die britische Hauptstadt sorgen.

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