London/Geislingen Ein Geislinger in London (5): Andere Schulwelt

In London beginnt die Schule meist um 9 Uhr.
In London beginnt die Schule meist um 9 Uhr. © Foto: Maximilian Tkocz
London/Geislingen / Maximilian Tkocz 29.12.2017

Der Geislinger Jugendjournalist Maximilian Tkocz erkundet London: Besonderes hat er im Schulsystem entdeckt.

In der fünften Folge seiner Serie hat er seine Beobachtungen in der Online-Ausgabe unserer Zeitungen veröffentlicht und seine Schlüsse gezogen:

Die englische Mutter auf dem Pausenhof einer Londoner Schule staunt nicht schlecht, als sie erfährt, dass die meisten deutschen Schüler ab der ersten Klasse alleine mit Bus und Bahn in die Schule fahren.

Was in Geislingen selbstverständlich ist, ist in London undenkbar: Die Kinder werden dort während der ersten Jahre in die Schule gebracht und abgeholt, jeden Tag, morgens und nachmittags – ohne registrierte Begleitperson werden die Schüler nach Schulschluss erst gar nicht entlassen und die Eltern dürfen erst wenige Minuten vor Schulschluss das Gebäude betreten. Der Schulhof ist gewöhnlich von einem drei Meter hohen Zaun umschlossen.

Mit fünf Jahren in die Schule

Natürlich müssen in einer Millionenstadt wie London andere Sicherheitsmaßnahmen herrschen als in Geislingen und Umgebung. Dennoch ist dies nicht der einzige Grund, warum junge Schüler nicht alleine zur Schule gehen dürfen: In England beginnt die Schulpflicht bereits mit fünf Jahren, viele Kinder werden sogar schon mit vier Jahren eingeschult. Dadurch sind die britischen Erstklässler um einiges jünger. Es kann also passieren, dass ein britischer Erstklässler mit dem gleichen Alter eingeschult wird, in dem ein deutsches Kind gerade das erste Kindergarten-Jahr erlebt.

Leistungen entscheiden über Sitzordnung

Würde man ein passendes Wort suchen, um die Schul-Philosophie in England zu beschreiben, würde man wahrscheinlich auf „competitive“ kommen. Übersetzt heißt das soviel wie „wetteifernd“ oder „auf Wettbewerb basierend“.

Teilweise orientiert sich die Sitzordnung beispielsweise an der Leistung der Schüler. Es gibt dann Tische mit Leistungsstarken und Leistungsschwachen und man kann sozusagen „auf-“ und „absteigen“. Außerdem gibt es Preise für die besten Hausaufgaben, gutes Verhalten und Belohnung, wenn man keinen Fehltag vorzuweisen hat.

Geschichte erklärt viel

Wenn man das englische Schulsystem verstehen will, muss man sich mit der Geschichte und der Mentalität des britischen Volkes vertraut machen: Natürlich sind nicht alle Schulen und Universitäten als Internat im Harry-Potter-Stil ausgestattet, elitär und streng konservativ. Trotzdem spielen Tradition, Disziplin und Leistung eine größere Rolle als in Deutschland: Schüler tragen beispielsweise Schuluniformen. Hinzu kommt, dass die meisten Schulen und Kindergärten christliche Träger haben und dementsprechend auch andere Werte verteidigen und vermitteln als staatliche Schulen.

Karriereweg für Kinder pflastern

Überhaupt ist die Reputation der Schule ein wesentlicher Aspekt. Schulen werben gerne damit, in allen Bereichen „outstanding“ abgeschnitten zu haben, die beste Bewertung eines landesweiten Schulvergleichs von Ofsted, der englischen Schulaufsichtsbehörde. Eltern stecken ihre Kinder gezielt in bestimmte Kindergärten oder Grundschulen und zahlen den Extra-Schulbeitrag, weil diesen Einrichtungen nachgesagt wird, dass sie den späteren Karriereweg zu den Top-Unis pflastern.

Dennoch bedeutet dies nicht, dass wir uns nichts vom britischen Bildunssystem abschauen können, finde ich jedenfalls. Dabei denke ich an das Thema „Schulbeginn“. Warum muss die Schule in Deutschland immer noch um 8 Uhr oder sogar früher anfangen?

Die Kinder kommen so ausgeruhter zu Schule. Außerdem hilft der spätere Schulschluss (in England so um 15.30 Uhr) berufstätigen Eltern, die ihre Kinder erst nach der Arbeit abholen können. Nicht nur in England, auch in anderen europäischen Ländern wie Portugal, Spanien oder Schweden ist der 9-Uhr-Schulbeginn längst Alltag.

Gewissermaßen würden jene deutsche Eltern in England ihr Paradies finden, die danach schreien, die Kinder früher mit Schulinhalten zu versorgen und der Meinung sind, dass man seine Sprösslinge so früh wie möglich mit Konkurrenz und Wettbewerb vertraut machen sollte. Ironischerweise sind es aber gerade die in London lebenden, deutschen Eltern, die genau dies am britischen Schulsystem kritisieren.

Ein Bildungssystem, das aus beiden Ländern das Beste herauspickt, bleibt aber wahrscheinlich nur eine Utopie.

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