London/Geislingen Ein Geislinger in London (4): Die feine englische Art

Die Londoner sind freundliche Menschen. Das kann erfreuen und irritieren – beispielsweise, wenn sie ein grässliches Essen nicht kritisieren wollen.
Die Londoner sind freundliche Menschen. Das kann erfreuen und irritieren – beispielsweise, wenn sie ein grässliches Essen nicht kritisieren wollen. © Foto: Maximilian Tkocz
London/Geislingen / Maximilian Tkocz 26.12.2017
Die Briten lieben Zurückhaltung und Untertreibung – andere dagegen irritiert es ein wenig. Daraus entwickeln sich witzige Situationen.

Der Geislinger Jugendjournalist Maximilian Tkocz entdeckt London. Dieses Mal befasst er sich mit der feinen englischen Art:

„Your English is perfect

– really!“

Eine Polin spricht mit einer Engländerin und entschuldigt sich für ihr gebrochenes Englisch. Die Britin schüttelt vehement den Kopf: „Not at all, your English is perfect, really.“

Zurückhaltung, Lob und Understatement sind zweifellos die Lieblingsdisziplinen des englischen Volkes. Es passt nicht nicht nur zum höflichen Stil und staubtrockenen Humor der Briten – nein, es hilft auch, um ahnungslose Ausländer zu verwirren.

Es gehört einiges an Übung dazu, um diese spezielle Art der Kommunikation zu entziffern. Und das liegt vor allem daran, dass die englische Mentalität so anders ist.

Deutsche schimpfen gerne

Vor allem wir Deutschen sind im Vergleich zu den Briten sehr direkt und unverblümt. Wir lieben es zu schimpfen, kritisieren gerne schlechtes Essen und falten auch mal unfähige Praktikanten zusammen. Ganz egal, ob es um die Deutsche Bahn, die Regierung, Stuttgart 21 oder die Fußball-Nationalmannschaft geht – wir sind halt ein Mecker-Volk. Das tut manchmal weh, aber es ist auch ehrlich: „Jetzt hat die Pfeife den Elfmeter vergeigt. Unfassbar! Wo hat der denn bitte Fußballspielen gelernt?“

Engländer sind anders

In England ist das anders. Sehr anders. Hier ist man zurückhaltend. Kritisiert wird bestenfalls höflich und gezügelt. Ein Paradies für alle Harmonie-Liebhaber und Hasenfüße: „Well, his penalty kick did not quite go where I wanted.“ Und schon findet die harsche Kritik ein Ende. Hach, darauf eine Tasse Tee, um uns abzuregen.

Schwierig zu kopieren

Selbst wenn man als Ausländer die Kunst des „understatements“ schätzen gelernt hat, ist es noch ein langer Weg, dieses selbst zu verwenden. Natürlich ist das auch einer der Gründe, warum die Briten Untertreibung so lieben. Es ist der Teil der englischen Kultur, der nicht so leicht von Ausländern „kopiert“ werden kann: Abgesehen davon, dass man mit der Sprache spielerisch umgehen können muss, sollte man Eigenschaften besitzen, die in England nicht allzu selten vorkommen, um es britisch auszudrücken: eine gewisse Leidenschaft für Ironie, trockenen Humor und Feinfühligkeit. Die Kunst besteht darin, trotzdem zu spüren, welche Meinung sich hinter den höflichen Worten versteckt.

Essen schmeckt „fantastisch“

Dennoch gibt es für alle Nicht-Briten eine einfache Möglichkeit, der englischen Art gerecht zu handeln – ganz ohne Übung. Und zwar beim Essen.

Wer aus den vorherigen Zeilen gelernt hat, wird es sofort verstehen: Das Essen schmeckt in der Regel fantastisch, also „excellent“ – oder so ähnlich. Das gilt auch, wenn der Fisch trocken und die Chips versalzen waren. Wäre man böse, würde man behaupten, dass die Engländer die Essens-Erwartungen generell runterschrauben wegen ihrer miserablen Nationalküche. Das wäre wie bei einem ausgehungerten Gefangenen im Kerker, dem das vergammelte Brot plötzlich als Delikatesse vorkommt. Doch in Wirklichkeit hat das mit der höflichen Distanziertheit der Engländer zu tun, die sich lieber auf die Zunge beißen würden, als den Gastgeber zu beleidigen.

Möchte man den Koch ehrlich loben, muss man die eigene Begeisterung natürlich weiter ausführen: „It was the best sausage I've ever had“. Ansonsten fällt gar nicht auf, dass es als tatsächliches Kompliment gemeint war und nicht nur als höfliches.

It was... „interessting“

War das Essen sehr schlecht und du möchtest es angemessen kritisieren, könnte man so etwas wie „It was interesting“ sagen. Du hast gekotzt, so schlecht war es? – „I wouldn't say it tasted great.“

Britisch wäre aber eher, nichts zu sagen und nie wieder zu kommen. Nur einen Stern auf Google Rezensionen oder TripAdvisor zu vergeben muss Rüge genug sein.

Das mag man feige nennen, dafür ist es angenehmer als manch miesepetrige Kritik.

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