Geschichte Ein Flügelschlag in der Weltgeschichte

Manfred Bäuerle 10.08.2018

Manchmal können kleine Änderungen große Auswirkungen haben. So gibt es in der Chaostheorie ein bildhaftes Beispiel zum Wetter. Demnach kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen. Man kann sich auch fragen, welche Auswirkungen sich wohl ergeben hätten, wenn im Jahr 1704 eine Armee von etwa 40.000 Mann unüberwindbare Schwierigkeiten gehabt hätte, vom Unteren Filstal kommend bei Geislingen den Aufstieg auf die Albhochfläche zu bewältigen.

Eine der bedeutenden Schlachten in der europäischen Geschichte wäre dann wahrscheinlich anders verlaufen. Gibraltar wäre vielleicht nie englisches Territorium geworden und England nicht dominierende See- und Handelsmacht.

Es waren überwiegend englische Truppen, die die Geislinger Steige überwanden, um dann in der Schlacht von Höchstädt den Sieg über die vereinten bayerischen und französischen Truppen zu erringen. Es war die wichtigste Schlacht im Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714). Angeführt wurden die Truppen von John Churchill, Herzog von Marlborough.

Winston Churchill berichtet

Über den Marsch von Geislingen hoch auf die Alb berichtet sein Nachfahre Winston Churchill in einer ausführlichen Biografie: „Noch musste Marlborough das hügelige Gelände des schwäbischen Jura durchqueren, ehe er in das Donaubecken marschieren konnte. Dazu bedurfte es gewaltiger Anstrengungen der Infanterie und Artillerie Churchills. Die Geislinger Steige, durch die er musste, war eng uns selbst bei gutem Wetter für Wagen äußerst schwer passierbar. Überdies regnete es seit zehn Tagen ununterbrochen. Männer und Pferde kamen nur mühsam voran.“

Wie kam es zu diesem Krieg und zu diesem Marsch, der in England jedem Schüler aus dem Geschichtsunterricht als große militärische Leistung bekannt ist, während im Filstal wohl kaum jemand davon gehört hat?

Ausgangssituation war das Reich des Habsburger Kaisers Karl V., das neben den geerbten österreichischen und burgundisch-niederländischen Gebieten über seine Mutter auch die Kronen von Kastillien und Aragon nebst den spanischen Kolonien in Südamerika und Asien umfasste. In seinem Reich ging sprichwörtlich die Sonne nicht unter.

Es hieß, mit seiner Frau spreche er französisch, mit seinen Soldaten spanisch und mit seinem Pferd deutsch. Der letzte seiner Nachfahren war Karl II., der erkennbar von den Folgen der habsburgischen Verwandtschaftsheiraten gezeichnet war.
Karl II. hatte in der fünften Ahnengeneration nur zehn unterschiedliche Vorfahren – normalerweise sind es 32. Sein Körper war so schwach wie sein Verstand. Als sich abzeichnete, dass auch seine zweite Ehe kinderlos  bleiben würde, richtete sich der Blick auf seine Verwandten, in erster Linie auf seine Schwestern. Im Zeitalter der dynastischen Fürstenstaaten hätte eine ungeklärte Nachfolge eine Staatskrise hervorrufen können.

Vor diesem Hintergrund wurden Erbansprüche von Österreich, Frankreich und Bayern erhoben. Karl II. selbst bestimmte in seinem Testament Philipp von Anjou, einen Enkel des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zu seinem Nachfolger, der dann auch als spanischer König Philipp V. proklamiert wurde.

Österreich fand sich mit dieser von Frankreich geschaffenen Tatsache nicht ab. Nach Angriffen französischer Truppen und der Übernahme der militärischen Kontrolle über die Spanischen Niederlande kam auch England ins Spiel, das über König Wilhelm III. von Oranien mit den Niederlanden verbunden war.

Im September 1701 kam es zum Abschluss der Haager Großen Allianz zwischen den Seemächten England und Niederlande und dem Kaiser Leopold I. Dabei ging es den Seemächten hauptsächlich auch darum, das Mächtegleichgewicht zu sichern, der Kaiser hingegen strebte Gebietsgewinne an, vor allem in Italien. Am 15. Mai 1702 erfolgte die Kriegserklärung Österreichs, Englands und der Niederlande an Frankreich.

Während die Allianz die Lage in den Niederlanden rasch zu ihren Gunsten klären konnte, entstand eine große Bedrohung, als sich Max II. Emanuel von Bayern Frankreich anschloss. Die Bayern sollten die kaiserlichen Truppen binden und Österreich bedrohen, um so eine Kooperation der Alliierten in den Niederlanden zu verhindern. Gleich nach dem Bündnisvertrag (1. September 1702) mit Frankreich schlug Max II. Emanuel los und besetzte die Reichsstädte Ulm und Memmingen sowie Dillingen.

Im nächsten Jahr folgten Neuburg an der Donau und Regensburg. Ferner gelang es den Bayern, eine Verbindung zur französischen Rheinarmee herzustellen. Gemeinsam mit den Franzosen siegte Max II.Emanuel 1703 in der ersten Schlacht von Höchstädt. Als 1704 Passau fiel, war der Weg nach Wien offen. Diese sehr heikle Situation war der Grund für den Eilmarsch von 40 000 Mann der Seemächte im Mai und Juni 1704 an die Donau – über die Geislinger Steige.

Legendärer Marsch

Der legendäre Marsch der Truppen unter dem Kommando von Marlborough über 400 Kilometer begann am 19. Mai 1704 in Bedburg im heutigen Rhein-Erft-Kreis. ImVerlauf des Marsches kamen weitere Truppen hinzu. Über Kerpen, Meckenheim und Sinzig überquerte das Heer bei Koblenz die Mosel. Überall wurde Marlborough mit Bewunderung empfangen.

Am 29. Mai erreichten die Truppen Mainz und am 6. Juni passierte Marlborough den Neckar. In den Berichten über den Marsch wird erwähnt, wie sehr die Bevölkerung entlang des Zuges geschont wurde. Im Gegensatz zu den Söldnertruppen des Dreißigjährigen Krieges etwa, die sich aus dem Land versorgten, gehörten die Truppen Marlboroughs zu stehenden Heeren mit entsprechender Disziplin. Mit Sorgfalt wurde der Sold ausbezahlt. Zur Versorgung der Truppen bestand eine Lieferkette mit einem zentralen Lager in Frankfurt. Die Brüder Soloman und Moses Medina brachten englisches Gold mit örtlichen Händlern zusammen und sorgten für die Verpflegung von Mensch und Tier.

Dennoch mag wohl vermutet werden, dass zumindest die Fourage, das Futter für die Pferde, an Ort und Stelle beschafft wurde. Es war Juni und die Heuernte stand bevor, mussten die Bauern – auch im Filstal – ihr Gras nicht englischen Pferden opfern? Ein Heer von 40000 Mann zieht nicht wie in einer Nacht- und Nebel-Aktion vom Filstal auf die Alb, ohne Spuren zu hinterlassen.

Am 11. Juni traf Marlborough in Groß-Heppach im Remstal mit Prinz Eugen, dem Befehlshaber der kaiserlichen Truppen und dem Markgraf Ludwig von Baden zusammen. Im heute noch bestehenden Gasthaus „Lamm“ wurden die weiteren Kriegspläne besprochen.

Marlborough lud Prinz Eugen auch zu einer Musterung seiner Reiterei ein. Eugen drückte sein Erstaunen aus, diese Truppen nach einem langen und mühevollen Zug in einem so guten Zustand vorzufinden.

Von Groß-Heppach zog Marlborough weiter nach Ebersbach, wo sich am 14. und 15. Juni das Hauptquartier befand. Nach Ebersbach ging es „durch den Engpass bey Geislingen, der sich beinahe zwei deutsche Meilen lang zwischen unwirthlichen Höhen durchwindet, der in der günstigsten Jahreszeit einen beträchtlichen Truppenkörper zumindest einen angestrengtesten Tagesmarsch kostet.“

Marlboroughs Truppen schafften die Geislinger Steige und zogen in die Schlacht von Höchstädt am 13. August 1704. Ein bedeutendes Ereignis in der europäischen Geschichte.

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