Energie Ein Bruder für die Zipfelmützen

Der neue Rundbehälter (vorne) steigert die Lagerkapazität der Biogasanlage in Gussenstadt.
Der neue Rundbehälter (vorne) steigert die Lagerkapazität der Biogasanlage in Gussenstadt. © Foto: Bischoff
Gussenstadt / Ulrich Bischoff 14.06.2018

Die drei „Zipfelmützen“ der Biogasanlage in Gussenstadt haben einen Bruder bekommen: 4800 Kubikmeter Gülle fasst der Rundbehälter, den die Energiegenossenschaft Gussenstadt in den letzten Wochen aus dem Boden gestampft hat.

Der Grund für den großen Anbau, dessen Erdaushub der Einebnung des Geländes für das Gewerbegebiet „Eichholz-Ost“ zugute kam, liegt in der neuen Düngemittelverordnung der EU. Sie enthält zum Schutz des Grundwassers strengere Auflagen. So dürfen Landwirte künftig erst ab 1. Februar eines jeden Jahres Gülle aufs Feld fahren. Bevor die Gruben ihrer Lieferanten überlaufen, hat die Energiegenossenschaft mit dem euen Behälter eine Möglichkeit zur Zwischenlagerung von Mist und Gülle geschaffen.

Die Gase, die sich künftig unter den Hüten entwickeln, verpuffen nicht nur, sie werden auch als willkommener Nebeneffekt genutzt. Die Biogasanlage, die inzwischen neben Schule, Kindergarten, Turnhalle, Feuerwehrmagazin und Rathaus noch  nahezu 120 Privathaushalte mit Wärme versorgt, „lebt“ ohnehin zu 70 Prozent von den tierischen Ausscheidungen. Die Abgase der gärenden Substrate liefern den drei Motoren der Anlage den nötigen Treibstoff, die ihre Schwungmasse über einen Generator in Strom verwandeln. Den verkauft die Genossenschaft an die öffentlichen Netzbetreiber.

Da die Motoren bei ihrer Arbeit ins Schwitzen geraten, entsteht Wärme. Sie wird über ein weitverzweigtes Röhrensystem frei Haus geliefert. Der Gedanke an ein  Haus, in dem der Besitzer künftig auf Öfen und Kamin verzichten kann, ist zwar ungewohnt, aber durchaus realisierbar. In dem kürzlich auf den Weg gebrachten Baugebiet „Beim alten Bauhof“  bieten sich solche Gedanken an. Schon mal am Gräben ziehen, verlegt die Genossenschaft neben den wärmenden Röhren auch Leerrohre für schnelles Internet über Glasfaser.

Inzwischen hat der dritte Motor, ein auf zwölf Zylindern laufendes Riesenaggregat in der „Biogase“ Einzug gehalten und freundet sich gerade mit dem tierischen Treibstoff an. Rechnet man die Leistungsfähigkeit der drei Motoren zusammen, kommt man auf eine Leistungskurve von satten 1800 Kilowatt. Der Einsatz der Motoren und die von ihnen gelieferte Strommenge wird von IT-Fachleuten in Augsburg und Norddeutschland ferngesteuert. Trotzdem stehen für den Betrieb der Anlage beim „Häule“ zwei bis vier „hauseigene“ Betreuer parat, deren „Know How“ und handwerkliches Geschick auch bei Nacht gefragt sein kann.

Ihr Beitrag für das Wohlergehen der Umwelt: 350 000 Liter an Heizöl werden eingespart und Kohlendioxid-Emissionen im Gegenwert von 2900 Tonnen  nicht in die Luft geblasen. 28 Landwirte aus Gussenstadt, die Gemeinde Gerstetten und Mitglieder aus benachbarten Ortschaften stehen mit ihren Einlagen hinter dem genossenschaftlichen Projekt, für das Gussenstadt vom Land Baden-Württemberg mit dem offiziellen Titel „Energiedorf“ ausgezeichnet wurde.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel