„Der Seniorchef malt auch“, bekam Hermann Dölger, damals noch als Waldorf-Lehrer tätig und gerade dabei, in Geislingen den ersten Kunstfrühling zu organisieren, vor gut zwei Jahren aus der Elternschaft zugetragen. Er erinnert sich genau: „Ich war da ja voll im Jagdeifer, suchte nach Künstlern, die beim Kunstfrühling ausstellen würden. Also ließ ich mir halt mal etwas von diesem Gruibinger mitbringen.“ Dölger bekam Abbildungen von Bruno ­­Enss­­lens realistischen, fast lebensgroßen Bauersleuten gezeigt und war „verblüfft“. Prompt räumte er Ensslen ausreichend Raum im Obergeschoss des leer stehenden Möbelhauses Hildinger ein – und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Dölger erlebte die Ausstellung von Ensslens Bildern aus drei Werkgruppen als Initialzündung. Zum einen kam sie bei den Besuchern richtig gut an, zum anderen war Ensslen selbst überrascht, welche Wirkung seine Gemälde entfalteten, wenn sie entsprechend präsentiert werden.

Nach dem Kunstfrühling besuchte Dölger den Gruibinger Künstler, um sein Werk zu sichten. Er schwärmt noch heute: „Das war, wie auf dem Speicher eine Kiste mit wertvollen Büchern zu finden.“ Da Ensslen sein Leben lang lieber gemalt hat, als sich um Selbst-Marketing zu kümmern, nahm Hermann Dölger die Sache in die Hand. „Das Möbelhaus stand weiterhin leer, und wir beschlossen, nach dem Kunstfrühling noch einen Paukenschlag mit einer Einzelausstellung von ­Enss­len zu setzen.“ Das war im Sommer 2017. Ensslen war damals schon ziemlich angeschlagen.

Im April 2018 starb der Gruibinger im Alter von 82 Jahren. Dölger: „Ich habe ihn nur ein Zweiundachtzigstel seines Lebens gekannt.“ Doch der Künstler hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er selbst wurde zu der Zeit über das Arbeitsamt in dem Layout-Programm Indesign geschult und machte den Hinterbliebenen Ensslens das Angebot, das Werk des Verstorbenen zu sichten, zu ordnen und ein „Bilderbuch“ daraus zu gestalten. „Es musste ein ,Bilderbuch’ werden, wenn es um Bruno geht“, macht Dölger klar, „denn Bruno hat sich am liebsten in Bildern ausgedrückt.“ So ist Dölger im vergangenen Sommer in Ensslens Hinterlassenschaften eingetaucht. Von vielen Werken gab es bereits Fotografien – nicht zuletzt von den Ausstellungen im Möbelhaus Hildinger –, was noch fehlte, konnte in Ensslens eigener Agentur (Ensslen Product Image) abfotografiert werden.

Das „Bilderbuch“, das Dölger gestaltete, umfasst rund 150 Seiten und ist natürlich voller Bilder. Diese zeigen Ensslen in all seinen künstlerischen Facetten. Denn, so schreibt Dölger in seinem Vorwort: „Er arbeitete in thematisch wechselnden Serien, mehrere Wochen umkreiste er mit mehreren Bildern ein Thema. Wechselte sein Interesse, nahm er sich ein neues Projekt vor, dann änderte sich dem Thema entsprechend auch die bildnerische Auffassung. Er beherrschte unterschiedslos auf hohem Niveau die gängigen Malstile und sah in Stilistischem nicht einen Ausdruck seiner Persönlichkeit, sondern ein Medium oder Wirkungsmittel, das der bildnerischen Absicht untersteht.“

Hermann Dölger charakterisiert Bruno Ensslens Bilderwelt auch, geht folgenden Fragen nach: Wie ist die grafische Handschrift des Bilds, wie seine Farbigkeit? Was für eine Sorte Maler ist Ensslen und wie kommt er zu seinen Themen?

Im Moment sucht Dölger noch eine geeignete Druckerei, die ihm eine kleine Auflage in angemessener Qualität produziert. Darüber hinaus plant er im Einverständnis und Interesse von ­Enss­lens Familie, seine Bilder auch in Zukunft auszustellen.

Info Das „Bilderbuch“ mit Bruno ­Ensslens Gesamtwerk soll beim zweiten Geislinger Kulturfrühling (Eröffnung am 3. Mai) ausliegen und zu kaufen sein.