Seit ich ihn gesehen glaub’ ich blind zu sein; wo ich hin nur blicke, seh’ ich ihn allein“ – diese hingebungsvollen Worte, für das im 19. Jahrhundert vorherrschende Frauenbild durchaus passend, werden dem Komponisten Robert Schumann gewiss gefallen haben.

Das lässt sich aus seiner Biografie erschließen, wo er seine hochbegabte und als Pianistin sehr erfolgreiche Frau am liebsten nur um sich – und bei den zahlreichen Kindern – gehabt hätte. Das Wohlgefallen an diesen Worten zeigt sich andererseits auch darin, dass er aus dem solchermaßen beginnenden Gedichtzyklus „Frauenliebe und -leben“ von Adalbert von Chamisso wunderschöne Lieder geformt hat. Diese waren unter anderem zu hören bei einem Liederabend, der vom Geislinger Kulturverein am Donnerstag im WMF-Kommunikationszentrum veranstaltet wurde. Die Sopranistin Judith Wiesebrock, die dort schon öfter als Oratoriensängerin überzeugt hat, und die Pianistin Bettina Anderle waren die Interpretinnen des Abends, und das bestens harmonierende Duo vermochte in jeder Hinsicht zu überzeugen.

Im „Frauenleben“, das übrigens auf die Zeitspanne vom Kennenlernen bis zum frühen Tod des Geliebten reduziert wird, gab die Sängerin dem den Gedichten wie auch der Musik eingeschriebenen Gefühlsüberschwang Maß und Ziel und ließ die Herzensregungen vor allem im Innern glühen. Gleichwohl erreichte sie eine hohe Intensität, und im Schlusslied gelang ihr eine dichte, suggestiv wirkende Schilderung von Schmerz und Trauer.

Wie meist bei Schumann wurde die Gefühlswelt im Klaviernachspiel noch einmal gespiegelt, wobei sich Bettina Anderle als ideale Partnerin erwies, die sich ganz in den Dienst des gewählten Interpretationsansatzes stellte und der auch stets eine gute ­Balance mit der Singstimme gelang.

Dass Johannes Brahms seinem Freund und Förderer Schumann als Liedkomponist nichts schuldig blieb, konnten die in zwei Blöcken dargebotenen acht Lieder op. 59 beweisen. Die Naturbilder „Auf dem See“ (Text: Karl Simrock) und Goethes „Dämmrung senkte sich von oben“ zeigten – einmal in Dur und einmal in Moll – feinste musikalische Umsetzung der Texte und einen zurückhaltenden, aber höchst stimmungsvollen Klaviersatz.

Auch die andern, eher kleinformatigen Werke gestalteten Sängerin und Begleiterin in eindrucksvoller Weise. Wer freilich die Texte nicht halbwegs parat hatte, dürfte sich mit dem Verstehen etwas schwergetan haben.

Gustav Mahler, eine Generation jünger als Brahms, stellte die überkommenen Liedtraditionen radikal in Frage und drang mit seinen Orchesterliedern in neue Dimensionen vor. Dass diese auch mit Klavierbegleitung noch wirkungsvoll blieben, zeigten zwei heitere und zwei tiefernste Vertonungen aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Eine Art Rezensenten-Schelte im „Lob des hohen Verstands“ sorgte für entzückte Zuhörer, und Judith Wiesebrock fand nun die Gelegenheit gekommen, ihr großes Stimmvolumen zu entfalten.

Stark berührend, mit beunruhigender Doppelbödigkeit in der Begleitung, gelang auch die Geschichte vom Soldaten, der seinem Mädchen Heirat und Haus verspricht, obwohl beide ahnen dürften, dass er bald dort „wo die schönen Trompeten blasen“, unterm grünen Rasen seine Heimstatt finden wird. Vom Scheiden zweier Liebender sprach auch die Zugabe von Brahms, die die Künstlerinnen ihrem Publikum zum Abschluss eines beeindruckenden Liederabends gewährten.