Wirtshäuser Diskussion über das Gasthaussterben in Dörfern

"Ein Gasthaus ist eine soziale Einrichtung am Ort": August Kottmann berichtete von seinen Erfahrungen als Gastwirt.
"Ein Gasthaus ist eine soziale Einrichtung am Ort": August Kottmann berichtete von seinen Erfahrungen als Gastwirt. © Foto: cb
CLAUDIA BURST 30.09.2014
Es wurde Tacheles geredet am Montag in der Roggenmühle. Bürgermeister und Gastwirte versuchten herauszufinden, wie sie gemeinsam gegen das Gasthaussterben in den Dörfern vorgehen könnten.

"Rathaus trifft Wirtshaus" heißt eine landesweite Dialogveranstaltung des Gemeindetags Baden-Württemberg und des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. Eine solche fand gestern in der Roggenmühle statt. Zahlreiche Gastwirte Bürgermeister, Dehoga-Vertreter und andere Betroffene füllten die Wirtsstube. Es ging um das Wirtshaussterben - und darum, wie es verhindert werden kann.

"Werft nicht nur mit Wattebäuschchen, sagt euren Bürgermeistern, was Sache ist", forderte Roger Kehle, der Präsident des Gemeinde-tages Baden-Württemberg, die Gas-tronomen auf. Es gehe darum, die beim Treffen angeregten Gesprächsfäden hinterher vor Ort aufzunehmen, weiterzuspinnen und im Gespräch zu bleiben, sagte er.

Nach einer Einleitung durch Petra Thollembeek, der stellvertretenden baden-württembergischen Dehoga-Hauptgeschäftsführerin, erzählte August Kottmann, Hirschwirt aus Gosbach, von seinem Leben als Gastwirt. "Ein Gasthaus ist eine soziale Einrichtung im Ort, das Wirtshaussterben ist ein großer sozialer Verlust", sagte er. Er berichtete über seine zusätzlichen Standbeine "Destillerie" und "der Apfel als Marke", gab aber zu: "Die Luft zum Atmen ist auch bei uns dünn."

Mit diesen Ausführungen startete die Diskussion. Dass die Gastronomen tatsächlich nicht vorhatten, Samthandschuhe anzuziehen und Wattebällchen zu werfen, machte gleich zu Beginn Karl-Heinz Kottmann vom Höhenrestaurant Schönblick in Eislingen deutlich. Er hatte sich vorbereitet und reihte seine Kritikpunkte aneinander: "Wenn die öffentliche Hand in die Marktwirtschaft der Gastronomie eingreift, ist diese Marktwirtschaft gestört. Wenn mit Steuergeldern das Filseck oder der Marstall in Eislingen - zum Beispiel - auf Hochglanz gebracht werden, kommt das über die Pacht niemals zurück.

Das ist Marktverzerrung", kritisierte er. Er schimpfte über subjektive Hygiene-Kontrollen und machte auf die Gefahr der Anprangerung von Betrieben durch die geplante Hygieneampel aufmerksam. Er verurteilte die Nicht-Flexibilität der neuen Arbeitszeitverordnung, bürokratische Zoll-Kontrollen, Vorschriften für neue Kassensysteme, Schwierigkeiten mit der IHK und dem Arbeitsamt, Nachwuchsprobleme und den schlechten Branchenschlüssel bei Bank-Krediten. Zudem klagte er darüber, dass Vereine mit ihren vielen Festen und Essen den Gastronomiebetrieben das Leben schwer machten.

Böhmenkirchs Schultes Matthias Nägele reagierte mit dem Einwand, dass die Bürgermeister keine Entscheidungen zu den meisten Problemen fällen könnten. Wichtig sei doch die Frage, was passieren müsse, um Gasthäuser für Nachfolger attraktiv zu machen. Es entwickelte sich ein munteres Hin und Her - auch zu den anderen angeführten Kritikpunkten. Die Bürgermeister machten deutlich, dass sie oft zwischen mehreren Stühlen säßen, weil die Vereine für die Ortskultur ja ebenfalls unabdingbar seien. Genauso wie Bäcker und Metzger, die Vereine belieferten, könnten und sollten doch auch die Gastronomen mit den Vereinen versuchen, ins Gespräch zu kommen und einen für alle positiven Kompromiss zu finden. Sie machten weitere Vorschläge, auf die gesellschaftlichen Entwicklungen zu reagieren - etwa das Essen für Kinder in Ganztagseinrichtungen zu liefern und sich damit ein zweites Standbein zu schaffen.

Im Lauf der Diskussion fanden die Parteien immer mehr eine gemeinsame Ausrichtung. Die Teilnehmer hörten einander zu, reagierten auf Kritik und Vorschläge, machten daraufhin Gegenvorschläge. Der Ton wurde friedlicher, beide Seiten merkten, dass alle im Prinzip dasselbe Ziel verfolgten. Ob Sachkunde-Nachweis oder ein gemeinsames Bemühen um sieben Prozent Mehrwertsteuer - die Parteien in der Roggenmühle waren sich im Großen und Ganzen über die Notwendigkeit einig. "Gemeinsam Flagge zeigen, an einem Strang ziehen", waren denn auch Bilder, die immer wieder bemüht wurden.

"Diese Diskussion hat den Beweis erbracht, wie wichtig es ist, miteinander zu reden", resümierte Gemeindetags-Präsident Kehle nach fast zweistündiger Debatte: "Das Wir ist wichtig. Nicht nur vom anderen fordern, sondern erkennen, was ich selber tun kann." Chancen gebe es genügend, um Gasthäuser attraktiv zu erhalten, etwa durch den Tourismus. So könnten Gasthäuser als E-Bike-Annahmestellen fungieren. Oder ein App anbieten, oder auf den Megatrend "Landlust" einsteigen. Oder die Maultasche als Marke ausbauen, zählte er auf.