Göppingen / KURT LANG  Uhr
Auf ergreifende Art trug Ilona Abel-Utz am Freitag in der Göppinger Stadtbibliothek zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung Texte von Literaten jener Zeit vor. Ein kurzweiliger Abend gegen das Vergessen.

Vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933, brannten nicht nur die Worte: "Sie haben meine Seele verbrannt", schrieb Hertha Nathorff, die 1938 in die USA emigrierte jüdische Ärztin und Publizistin, in einem ihrer bewegenden Texte.

Zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nazis las in einer Veranstaltung des städtischen Kulturreferats und der Stadtbibliothek die Göppingerin Ilona Abel-Utz aus den Werken jener Autoren, deren Bücher den Flammen zum Opfer fielen. Wurden vielerorts ausschließlich bekannte Schriftsteller wie etwa Heinrich Mann oder Kurt Tucholsky gewürdigt, machte Ilona Abel-Utz in der voll besetzten Stadtbibliothek vornehmlich das Schaffen und Wirken weniger bekannter Autoren zum Hauptthema ihres Vortrags: Mascha Kaléko, Irmgard Keun, Rose Ausländer, Jakob Haringer, Jakob van Hoddis oder Max Hermann-Neisse etwa.

Mit der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 wurde nach der Auflösung des Reichstags, nach dem Ermächtigungsgesetz, dem ersten Konzentrationslager und dem Boykott jüdischer Geschäfte die Bücherverbrennung am 30. Mai auf dem Berliner Opernplatz von den Nazis als "intellektuell-germanisches Frühlings- und Reinigungsritual" gefeiert.

Neben der Politik hatte sich nun auch die Kultur samt ihrer angeblich "undeutschen" Literaten dem NS-Diktat zu unterwerfen. Nicht wenige der missliebigen Autoren mussten danach ihr Leben im KZ verbringen, wurden verfolgt und ermordet. "Mein Vaterland ist tot, sie haben es begraben im Feuer", zitiert Ilona Abel-Utz Rose Ausländer, die den Holocaust nicht zuletzt dank ihrer Überzeugung "Schreiben ist Leben. Überleben" überstand. Doch viele von ihnen, sagt Abel-Utz, "verschwanden total in der Versenkung, denke ich nur an Selma Meerbaum-Eisinger oder Lessie Sachs", um gleich darauf Walter Mehrings wunderbare Ode an all die "Verbrannten" - denke man nur an Mühsam, Ossietzky, Toller, Roth oder Hasenclever - vorzutragen: "Verblüht, von Lügenduft erstickt. Erschlagen, von der Not geknickt. Der beste Jahrgang deutscher Reben, ließ vor der Ernte so sein Leben."

Ilona Abel-Utz ließ auf faszinierende Art die Gedichte und Texte der genannten Künstler wieder aufleben. Mit ihrer sprachlichen Ausdruckskraft, Gestik und Mimik erwies sie sich einmal mehr als eine Rezitatorin von Rang.

Musikalisch unterlegt wurde die Lesung mit Harfenmusik von Eva-Maria Bredl. Die von der Lehrerin an der Jugendmusikschule mit Präzision und hohem Können vorgetragenen Kompositionen trugen zur anspruchsvollen Umrahmung bei. Trotz aller Betroffenheit ein kurzweilig-beglückender Abend gegen das Vergessen. Am Schluss denn auch lang anhaltender, warmer Applaus.