Geislingen Die Rätsche feiert Geburtstag

Geislingen / Eva Heer 09.11.2018
Im November 1978 entstand aus dem „Arbeitskreis Kultur“ der Verein Rätschenmühle. Er hat das kulturelle Leben in Geislingen geprägt.

Die Rätsche in Geislingen feiert Geburtstag. Am 17. November 1978 haben kulturell engagierte Menschen in der Stadt den Verein Rätschenmühle gegründet. Und auf den Tag genau 40 Jahre später,  am Samstag, 17. November, steigt der Jubiläumsfestabend in den Räumen des Vereins, die einstmals ein städtischer Schlachthof waren.  Mit dabei sind Gäste aus der Kulturszene, Wegbegleiter, Künstler, treue Besucher.

Aber von vorne.  Im Herbst 1978 ergab sich die Möglichkeit, die Seemühle, genannt Rätschenmühle, in der Oberen Stadt anzumieten. Der „Arbeitskreis Kultur“, aus dem die späteren Rätschegründer erwuchsen,  hatte damals zwar immer wieder Konzerte in Clubs veranstaltet. „Aber der Wunsch war da, ein eigenes Haus zu haben“, sagt Brigitte Aurbach, Vorsitzende der Rätsche, die zwar nicht ganz von Anfang an dabei war, aber in den Anfangsjahren dazustieß. Der neu gegründete Verein unterschrieb zunächst einen Pachtvertrag für zehn Jahre – für 500 DM Miete im Monat. Die Zielsetzung war zum einen, das kulturelle Leben in Geislingen zu bereichern. Gleichzeitig gab es von Anfang an die Maxime, politisch Haltung zu zeigen, erzählt Brigitte Aurbach: „Es ging immer auch um Frieden und Völkerverständigung.“ Diskussionen und Vorträge über politische Themen waren immer ein fester Bestandteil des Programms.

„Ganz am Anfang traten die Rätschemacher mit eigenen Theaterstücken auf und auch die Musik kam von Leuten aus Geislingen“, erzählt Aurbach. Bald allerdings lockten die neue Veranstaltungsstätte und die engagierten Rätschemacher auswärtige und namhafte Künstler nach Geislingen. Es etablierten sich nach und nach die einzelne Sparten, die es bis heute gibt. Früh schon fand  einmal im Monat Kabarett in der Rätsche statt, Veranstaltungen, die  die Besucher bis heute sehr schätzen – auch das nicht so typische Rätschepublikum.

Die „Großen“ des Kabaretts

Auf der Rätschebühne stehen regelmäßig die „Großen“ des deutschen Kabaretts: Hagen Rether, Georg Schramm, Arnulf Rating, Luise Kinseher und etliche mehr.

„Folk war ebenfalls von Anfang an vertreten“, erzählt Aurbach: „Vor allem Irish Folk, traditioneller und zeitgenössischer.“ Und Rock: Der Gitarrist und Sänger Werner Danneman etwa ist seit Jahrzehnten regelmäßiger Gast in der Rätsche. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre veranstaltete die Rätsche als einer von wenigen Clubs in Süddeutschland  Independent-Konzerte. Viele bedeutende Indie-Bands spielen dort bis heute regelmäßig. Waren die Rätschemacher in den 1970er und 80er Jahren noch häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, ein „linker, chaotischer Haufen“ zu sein, ändert sich das mit Martin Bauch als Geislinger Oberbürgermeister langsam. „Er hatte ein ganz anderes Kulturverständnis und hat immer wieder deutlich gemacht, dass er die Rätsche gut findet“, sagt Brigitte Aurbach.

Endgültig neue Besuchergruppen hat sich die Rätsche mit der überaus erfolgreichen Talkreihe „Das rote Sofa“ erschlossen. Marlis Prinzing, damals Kulturredakteurin der GZ, sprach von 1998 bis 2007 mit knapp 100 Künstlern, Politikern, Forschern und Sportlern auf dem roten Möbelstück im ehemaligen Schlachthof. Mit ihrem Konzept, ihre Gäste gleichsam respektvoll wie unterhaltsam zu präsentieren – und stets bestens vorbereitet – brachte sie Persönlichkeiten wie Dieter Hildebrandt, Ruth Maria Kubitschek, Manfred Rommel, Lothar Späth, Harry Rowohlt, Xaver Naidoo, Marcia Haydée oder Heide Simonis dazu, intensiv über ihr Leben und ihre Arbeit zu sprechen.

2007 feierte mit „Hair“ die erste Musical-Eigenproduktion der Rätsche unter Leitung von Regisseur und Choreograf Torsten Moll Premiere. Die Aufführung war 22 Mal ausverkauft. Es folgten mit „Der kleine Horrorladen“, „Miami Nights“ und „Cabaret“ weitere Publikumslieblinge.

Die Rätsche zeigt also nicht nur Kultur, sie macht auch selber welche. Aus der internen Theatergruppe entwickelt sich die Impro-Theaterformation „Käsch“. Seit 2007 gibt es den Rätschechor, aktuell unter Leitung von Martina Bach. Jüngstes Projekt ist die Trommelgruppe der Rätsche.

Viel ehrenamtliches Engagement steht bis heute hinter dem Projekt „Rätsche“. Was motiviert die Macher, trotz oft finanzieller Sorgen und dem hohen zeitlichen Einsatz, weiter zu machen? „Es ist einfach eine schöne Arbeit“, sagt der Werbefachmann Walter A. Schaefer, der auch im Vorstand ist und für den Verein die Öffentlichkeitsarbeit macht. „Es ist faszinierend, was wir ehrenamtlich alles stemmen“, sagt Brigitte Aurbach. Und als Belohnung gäbe es manchmal diesen einen, ganz besonderen  Moment: Wenn alles stimmt. Wenn der Funke überspringt. Wenn Künstler und Publikum im Dialog sind.

Info Zum Jubilee am 17. November sind unter anderem Werner Dannemann, Fred Ape, Patricia Moresco, Helmut Hattler, Matthias Matzke, Stefan Wich, Martin Bauch, Berthold Seliger, Marlis Prinzing und Helene Schneidermann eingeladen. Moderator Wieland Backes wird durch den Abend führen. Beginn: 19 Uhr. Die Karten sind nahezu vergeben. Anfragen unter: info@raetsche.com

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel