Hubertus von Klingenstein erinnert an Catweazle - die Fernsehfigur, die es aus dem tiefsten Mittelalter in die Jetzt-Zeit katapultiert hat. Am Sonntag war Hubertus von Klingenstein auf der Burg Helfenstein über Geislingen - und damit in der Epoche, in der auch er sich am wohlsten fühlt: im 13. Jahrhundert. Er kommt, genauso wie sein Zunftbruder Rando, aus dem Raum Illertissen und gehört der Zunft der "Schildmaler" an. Eingeladen hatten ihn - und Vertreter vieler anderer Zünfte - die Geislinger Mittelalter-Freunde des Vereins "Die Helfensteiner".

"Das hier ist die Hure von Babylon", stellt der Maler sein neuestes Werk vor. Voller Stolz, hat er die biblische Szene doch für einen reichen Auftraggeber gemalt - mit Purpur und Scharlach, teurer Farbe, die aus dem Saft eingekochter Schnecken hergestellt wurde. Rando erzählt davon, wie angesehen die Schildmaler einst waren: "Jeder Ritter wollte den besten Designer haben", schmunzelt er.

Es ist spannend, sich von den Mittelalterlichen schildern und zeigen zu lassen, wie das Leben vor 700 Jahren zu meistern war. Von Romantik keine Spur. Die durchschnittliche Lebenserwartung variierte zwischen 35 und 50 Jahren, je nachdem ob einer Tagelöhner oder armer Bauer war, ob er als Ritter kämpfte oder dem Klerus angehörte. Besonders anschaulich machte dies Ritter Albrecht von Löwenberg deutlich: "Kind war man damals bis etwa sieben, dann musste man mitarbeiten. Eventuell als Page im Dienst hoher Herren. Ab zehn Jahren dann als Knappe - wie hier mein Knappe Johannes von Giselingen -, mit 14 Jahren dann als Schildknappe."

Albrecht von Löwenberg kann noch viel erzählen. Seine Helmsammlung, das Kettenhemd oder die beweglichen Plattenhandschuhe - "eine Meisterleistung der damaligen Technik" - ziehen die Besucher in Scharen an. Vor allem Jungs sind fasziniert.

Ein "echter Sarwürker" zeigt den Mittelalter-Reisenden, wie die über 25 Kilogramm schweren Kettenhemden hergestellt wurden: Ringmacher stellten aus dem Draht der Drahtzieher die einzelnen Ringe her, ein Nietenmacher die MiniNieten. Der Sarwürker fädelt aus diesen Einzelteilen dann Ring für Ring zusammen und vernietet sie. Bis zu vier Kettenhemden - die sich nur die sehr reichen Kämpfer damals leisten konnten - schaffte der Sarwürker im Jahr.

Die Handwerks- und Berufsvielfalt im Mittelalter war groß: es gab den Bogenbauer, den Falkner, den Schmied, den Holzschnitzer, die Musiker, den Wappenschnitzer. Alle waren sie am Sonntag anwesend. Aber auch die Aufgaben der Frauen jener Ära waren anspruchsvoll und können heute nur noch von wenigen ausgeführt werden. Wie etwa das Spinnen von Garn aus Schafswolle, das Weben edler Borten oder derber Gurte mit viel Übung und Geschick oder das Kochen ohne Strom und mit frischen Kräutern.

"Nele von Waldu", Kammweberin Birthe, Christina von Stötten oder Agnes vom Felsental beherrschen diese Künste noch und zeigten, worauf es ankommt. Ein Eintopf im Emaille-Topf köchelt über dem offenen Feuer, gewürzt mit unterschiedlichen Pfeffersorten, Salz, Liebstöckel und Bohnenkraut. "Falls dann noch was fehlt, gehen wir auf Suche. Hirtentäschel oder Knoblauchranke finden wir auf jeder Wiese", sagt Christina von Stötten, die an diesem Sonntag für die Helfensteiner fürs Kochen verantwortlich ist.

Der Duft zieht über den Platz, Musik des Dudelsackbläsers ist zu hören, die Schläge des Schmieds auf sein glühendes Eisen. Vor allem am Nachmittag strömten die Besucher, um dies und noch mehr zu erleben.