Heimatgeschichte Der Jakobiner vom Rechberg

Von Roderich Schmauz 07.10.2017

Das hätte Professor Dr. Johannes Scherr gefallen, dass an seinem Geburtstag, dem 3. Oktober, nunmehr der Tag der Deutschen Einheit gefeiert wird. Für ein vereintes Deutschland als Republik mit freiheitlich-demokratischer Verfassung hat auch der junge Scherr in der Tradition der Jakobiner in den Revolutionsjahren 1848/49 gestritten. Doch vergeblich. Als die Revolution scheitert, muss er fliehen.

Geboren wird Johannes Scherr in Rechberg-Hinterweiler am 3. Oktober anno 1817 – einem Hungerjahr in der nachnapoleonischen Ära, der Zeit des Biedermeiers und der Vielstaaterei. Johannes ist das jüngste von zehn Kindern des Lehrers, Organisten und Tabakpfeifenmachers Franz Hieronymus Scherr und seiner Frau Cäcilia. Der oft kränkelnde Bub und Jugendliche wächst in kärglichen, beengten Verhältnissen auf. Das Gymnasium am strengen Ehinger Konvikt – gedacht als Vorbereitung für ein Theologiestudium – bricht er ab; schon damals macht sich sein ungestümer  Freiheitsdrang spürbar. Im Eigenstudium bereitet er sich vollends aufs Abitur vor. Ab 1837 studiert er Philosophie, Philologie und Geschichte an der Universität Tübingen; die Promotion schafft er 1840 gerade mal so.

1843 lässt Johannes Scherr sich als freier Schriftsteller in Stuttgart nieder, profiliert sich mit zwei politischen Schriften, auch wenn diese anonym in der Schweiz erscheinen. In Stuttgart wird er Mitbegründer des „Demokratischen Vereins“. Die politische Entwicklung gewinnt nun schnell an Dynamik: Missernten führen zu Teuerungen und 1847 auch in Stuttgart zu Hungerkrawallen. Hier wie auch in Geislingen erheben Liberale immer lauter die Stimme gegen die Konservativen, wo mit Michael Häberlen ein fortschrittlicher Schultheiß gewählt wird.

Das Oberamt hat mit Friedrich Römer einen prominenten, gemäßigt liberalen Abgeordneten im Landtag, der für eine konstitutionelle Monarchie eintritt. Als im Februar 1848 in Paris die Republik ausgerufen wird, hebt König Wilhelm I. von Württemberg im Land die Zensur auf und setzt das liberale „Märzministerium“ ein, dem auch Römer angehört. Auf der großen Volksversammlung am 26. März 1848 in Göppingen erhält Scherr den größten Beifall aller Redner.

Zur Landtagswahl im Mai 1848 bewirbt er sich im Oberamt Geislingen und siegt nach einem erbitterten Wahlkampf knapp. Scherr ist mit 31 Jahren der jüngste Abgeordnete. Der stark sozial ausgerichtete Republikaner wird Wortführer der radikalen Linken. In Geislingen wird er vor allem von Lammwirt Johannes Wagner, Sonnenwirt Borst, Schultheiß Häberlen und Kapellmüller Daniel Straub unterstützt - und vom Amts- und Intelligenzblatt „Der Bote vom Filsthale“.

Im Januar 1849 erkennt Württemberg als erster Einzelstaat die von der Nationalversammlung ausgearbeiteten Grundrechte an – und Schultheiß Häberlen verkündet sie vor Ort im Geislinger Rathaus. Im April 1849 akzeptiert König Wilhelm I. die Reichsverfassung, als einziger wichtiger Fürst in Deutschland. Doch bald lässt die revolutionäre Begeisterung nach. Das Honoratiorenparlament in Frankfurt  mache „gar nicht nore“, beklagt auch der „Filsthal-Bote“. Die alten Kräfte gewinnen zunehmend wieder die Oberhand. Preußen und Habsburg ziehen ihre Abgeordneten aus Frankfurt zurück. Das Rumpfparlament flieht nach Stuttgart. Es wird am 19. Juni 1849 mit Militärgewalt gesprengt, ausgerechnet auf Anordnung von Friedrich Römer, der mittlerweile an der Spitze der württembergischen Regierung steht.

Am 27. Mai 1849 ist Scherr noch bei der „Pfingstversammlung“ in Reutlingen der Hauptredner. Dort wird die Volksbewaffnung gefordert. Am 1. August sind wieder Neuwahlen zum Landtag. Im Oberamt Geislingen stehen sich nun Scherr und Römer direkt gegenüber. Letzterer wird von den Beamten, Pfarrern, Lehrern, Schultheißen und vermögenden Bauern unterstützt – und von Konservativen, die ihn vormals bekämpft haben. Das Ergebnis fällt knapp zugunsten von Römer aus, der nichtsdestoweniger bald darauf sein Ministeramt verliert, weil der König wieder eine konservative Regierung beruft.

Das Blatt hat sich gegen Scherr gewendet. Gleich nach der Wahl vom 1. August bekommt er Wind davon, dass er wegen der Reutlinger Pfingstversammlung verhaftet werden soll. Es gelingt ihm gerade noch, sich in die Schweiz abzusetzen.

Am 15. August 1849 wird er mit Steckbrief im „Schwäbischen Merkur“ zur Fahndung ausgeschrieben. In Abwesenheit verurteilt man ihn wegen Hochverrats zu 15 Jahren Haft. Scherr stellt in der Schweiz, wie mehrere tausend Revolutionäre aus deutschen Landen, einen Asylantrag. Der wird bewilligt – mit der Auflage, dass er sich nicht   politisch betätigt. Scherr wird Zeit seines Lebens keinen Fuß mehr auf deutschen Boden setzen.

Er habilitiert sich als Privatdozent an der Züricher Universität und versucht, in Winterthur die Familie durch seine Schriftstellerei finanziell über Wasser zu halten. Im zweiten Anlauf erhält er 1860 endlich einen Lehrstuhl für Geschichte am Polytechnikum in Zürich.

Der vormals radikale Jakobiner wird auf seine alten Tage im Übrigen konservativer: 1870/71 bejubelt er den Sieg gegen Frankreich und die Gründung des Deutschen Reiches „von oben“ in nationalistischem Überschwang.

 Scherr ist Autor von mehr als 100 Büchern. Ende des 19. Jahrhunderts ein viel gelesener Autor, ist er heute weitgehend vergessen.

Der Steckbrief im Wortlaut

Am 15. August 1849 erschien im „Schwäbischen Merkur“ dieser Fahndungsaufruf nach Johannes Scherr:
 „Hohenasperg. (Steckbrief) Der hinach signalisierte literat Johannes Scherr von Rechberg ist wegen versuchten Hochverraths in Untersuchung zu ziehen. Da sein Aufenthaltsort unbekannt ist, so werden sämtliche Justiz- und Polizeibehörden ersucht, auf ... Scherr zu fahnden und denselben auf Betreten hierher einzuliefern zu lassen. Signalement des Scherr. Derselbe ist 33 Jahre alt, 5‘8‘‘ groß (entspricht 1,66 m) von schlanker Statur, hat eine längliche Gesichtsform, blaßgelbe Gesichtsfarbe, dunkelbraune gescheitelte und hinter die Ohren gestrichene Haare, (...) graue Augen, lange Nase, breiten Mund mit ziemlich aufgeworfenen Lippen, schmale Wangen mit starken Backenknochen, gute Zähne, gerade Beine und trägt einen schwachen Lippenbart.“