Eltern Der Herdprämie weint keiner nach

Eine Mutter räumt die Wohnung auf, während ihre kleine Tochter an einem Kindertisch malt (Symbolfoto).
Eine Mutter räumt die Wohnung auf, während ihre kleine Tochter an einem Kindertisch malt (Symbolfoto). © Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)
Geislingen an der Steige / KARSTEN DYBA 23.07.2015
Das Bundesverfassungsgericht hat das Betreuungsgeld gekippt. Im Raum Geislingen stößt das auf ein geteiltes Echo. Erzieherinnen begrüßen dies, konservative Politiker betonen dagegen den Wert der Erziehung in der Familie.

"Eigentlich gehört jedes Kind in den Kindergarten", sagt Markus Mitterhofer, Leiter der Einstein-Kindertagesstätte in Altenstadt. Mitterhofer war stets gegen die Einführung des Betreuungsgeldes für Eltern, die wegen ihrer Kinder zu Hause bleiben. Denn der Aufenthalt im Kindergarten nutzt ihnen, um bestimmte Werte und das Zusammenleben in einer Gruppe zu lernen.

82 Familien in Geislingen sehen das anders. So viele haben seit Einführung des Betreuungsgelds im Jahr 2013 bis zum 30. Juni dieses Jahres das Betreuungsgeld bewilligt bekommen, berichtet die Sprecherin des Stuttgarter Sozialministeriums, Anna Zaoralek. Zum Vergleich: In Göppingen sind es 704 Familien und im gesamten Land-kreis 3147 Familien.

Testanruf am Mittwochfrüh bei der Elterngeldstelle der Landeskreditanstalt in Karlsruhe, die auch das Betreuungsgeld auszahlt: Antragsformulare werden noch verschickt, sagt die Sachbearbeiterin am Telefon. Die Antragsteller sollten aber davon ausgehen, dass sie kein Geld bekommen werden. Die Sprecherin der L-Bank verweist wiederum ans Sozialministerium. Deren Sprecherin hält das Betreuungsgeld ebenfalls für tot. Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) hat ihre Genugtuung darüber bereits ausgedrückt, dass das Verfassungsgericht in Karlsruhe das politische Projekt der bayerischen CSU gekippt hat.

Dabei habe das Verfassungsgericht gar nicht die politische Intention bemängelt, betont der Böhmenkircher Bundestagsabgeordnete Hermann Färber, sondern den Länden die Zuständigkeit zugesprochen. Bayern hat daraufhin angekündigt, bayerischen Familien weiterhin das Geld aus eigener Tasche auszuzahlen. Wie allerdings das Geld des Bundes verwendet werden soll, werde im September geklärt, heißt es im Ministerium.

Der gelernte Landwirt Färber, der selbst fünf Kinder hat, will nicht aufgeben: "Ich stehe zu dem Betreuungsgeld - einfach aus Gründen der Gleichbehandlung." Denn Eltern, die einen Kindergarten in Anspruch nehmen, können auf eine Leistung des Staates zurückgreifen. Es müsse aber jede Familie für sich entscheiden können, ob sie das will. Wer seine Kinder selber betreue, erbringe eine für die Gesellschaft wichtige Leistung, erhalte dafür aber keine staatliche Unterstützung. "Diese Eltern sollen auch spüren, dass der Staat hinter ihnen steht", sagt Färber.

Dass das Betreuungsgeld als "Herdprämie" verunglimpft wurde, wurmt Färber. "Das ist ein Schimpfwort, das die Erziehungsarbeit der Familien herabwürdigt." So werde die Bedeutung der Familien, die ihre Kinder zu Hause erziehen, herabgewürdigt. Die Diskussion sei ihm "viel zu ideologisch". "Familien mit Kindern zu unterstützen ist nie falsch, sondern immer richtig." Man kann aber nicht verhindern, dass Eltern das Geld für Bier und Zigaretten ausgeben.

In der Praxis wird eben dies häufig befürchtet. Erzieher Mitterhofer hat Eltern, die bewusst auf das Betreuungsgeld verzichten, weil sie wissen, wie wichtig der Kindergarten für die soziale Entwicklung der Kinder ist. Auch Edeltraut Hellmann, Leiterin des evangelischen Oberlin-Kindergartens in der Oberen Stadt, hält dies für sinnvoll.

Sowohl Mitterhofers Kindertagesstätte, als auch Hellmans Kindergarten sind sogenannte "Brennpunkt-Kindergärten" mit hohem Ausländeranteil - 85 Prozent in der Einstein-Kita, 95 Prozent im Oberlin-Kindergarten.

"Diejenigen, die das Betreuungsgeld mitnehmen, sind meist die sozial-schwachen Eltern, deren Kinder dringend in den Kindergarten müssten", sagt Mitterhofer. So sieht es auch Hellmann: "Die bildungsfernen Eltern lassen ihre Kinder daheim, um das Geld zu kassieren. Also trifft es vor allem die Kinder, die die Betreuung bräuchten." Wird das Betreuungsgeld abgeschafft, kämen diese Kinder wieder in den Kindergarten. Meist entsteht kein finanzieller Nachteil: Die Kindergarten-Gebühren übernimmt häufig das Sozialamt.

Warum? Weil es manchen Kindern gut tut, für ein paar Stunden aus der Familie herausgenommen zu werden, um sie in der Kita zu fördern. Kinder müssten Gemeinschaft lernen, sagt Hellmann. Große Kinder motivierten kleine zudem beim Lernen. Zusammenleben lernen. "Viele Kinder haben keine Wasserfarben und keine Knete zu Hause. Und mir ist es wichtig, dass Kinder Rituale und Sprache lernen und auch, Streit auszutragen und Kompromisse zu schließen."

Da will die Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens ansetzen: Viele Eltern wollten Beruf und Familie unter einen Hut bringen. "Sie sollten wir dabei unterstützen" , denn dies sei ein öffentlicher Auftrag, weil sonst die gut ausgebildeten Frauen auf dem Arbeitsmarkt fehlen und sie später auch noch Nachteile bei der Rente erfahren. Insofern sei es richtig, das Geld lieber in die Qualität der Kinderbetreuung zu investieren.

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