Lebensgeschichten von 18 Frauen und Mädchen. Sie kommen aus der derselben Stadt, gehören einer Generation an, haben eine gemeinsame Religion. Und sie eint eine gemeinsam erlebte Zeit: Diese 18 jüdischen Mädchen und Frauen aus Lodz waren in der Zeit zwischen Juli 1944 und April 1945 Zwangsarbeiterinnen in Geislingen, interniert im KZ-Außenlager in der Heidenheimer Straße.

Die in Rechberghausen lebende Autorin Sybille Eberhardt hat den Weg der Frauen in ihrer Dokumentation „Als das Boot zur Galeere wurde“ nachgezeichnet. Ihnen in gedruckter Form Gesichter und Geschichten gegeben. Am Donnerstag hat die Autorin in ihrem letzten von drei Vorträgen in der Geislinger Stadtbücherei das Leben dieser Frauen vor ihrer Deportation nachgezeichnet.

Sybille Eberhardt zeigte die zweitgrößte polnische Stadt Lodz als quirlige Industriestadt, von der Textil-Industrie geprägt, die in den 1920er Jahren aufblühte und beträchtlich wuchs, besonders der jüdische Bevölkerungsanteil. Die 18 Mädchen und Frauen, von denen Sybille Eberhardt Zeitzeugen-Interviews aus den 1990er Jahren ausgewertet hat, sind bis auf eine Ausnahme zwischen 1916 und 1930 geboren und bilden einen Querschnitt der Mittel- und Unterschicht. Die meisten der Familien, über die Sybille Eberhardt geforscht hat, waren in der Bekleidungsbranche tätig. Von Mila Karp, der jüngsten der 18 Überlebenden, ist bekannt, dass ihr Vater gemeinsam mit seinen Brüdern mehrere Bekleidungsgeschäfte führte.

Die Frauen sehen in der Rückschau ihre Kindheit und Jugend als glücklich und behütet an. Allen jüdischen Familien gemeinsam sei gewesen, dass sie großen Wert auf gute Schulbildung legten, sagte Eberhardt. Sybille Eberhardt beschreibt das Leben der späteren Zwangsarbeiterinnen als normale, den Werten der damaligen Zeit verpflichtete Jugend. Manche Familien lebten ihre Religion traditionell, in den wohlhabenderen Familien pflegte man oft ein liberaleres Judentum, erläuterte sie.

Berichteten die Zeitzeuginnen von antisemitischen Diskriminierungen auch schon vor Kriegsbeginn, begannen mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im September 1939 massive Einschränkungen, Demütigungen und Entwürdigungen. Die Nachricht, dass alle 160 000 Juden der Stadt in ein Ghetto – in die ärmsten Stadtviertel – umziehen mussten,   traf die jüdische Bevölkerung am 8. April 1940 völlig unvorbereitet. Sybille Eberhardt schildert, wie die Zeitzeugen sich an diesen Tag erinnern: Menschen, die bei minus 25 Grad mit nichts als dem, was sie tragen konnten, in viel zu kleine Wohnungen zusammengepfercht wurden.

Mit der Schließung des Ghettos nach außen am 1. Mai 1940 begann die systematische Mangelernährung der Bewohner.  Krankheiten breiteten sich aus. Die von den Nazis eingesetzten Mitglieder des „Judenrats“ versuchten, die Ernährungslage zu verbessern, indem sie  die Ghettobewohner als Arbeitskräfte einsetzten. Mehrere der Zeitzeuginnen erzählten von ihrer Arbeit in einer im Ghetto eingerichteten Schneiderwerkstatt, wo sie von Sonnenaufgang bis acht Uhr abends nähten, meist Uniformteile für die deutsche Wehrmacht.

Wer arbeitete, bekam größere Lebensmittelrationen. Die als arbeitsunfähig eingestuften kleineren Kinder, Alte und Kranke wurden systematisch ausgehungert. Wer von ihnen überlebte, wurde wenig später in die Vernichtungslager deportiert, wie Sybille Eberhardt eindringlich schilderte.

Mit Fotos der 18 Frauen aus Lodz, die nach Auflösung des Ghettos über das Durchgangslager Auschwitz-Birkenau nach Geislingen kamen, ließ die Autorin ihre Lesung enden. Sie bat das Publikum darum, diesen Frauen mit seinem Applaus Dank und Anerkennung auszudrücken.

Zwangsarbeit für die Kriegsproduktion


Zwangsarbeit Von August 1944 bis April 1945 waren 820 jüdische Frauen und Mädchen aus Polen und Ungarn in Geislingen interniert. Sie mussten in der WMF, die für den Krieg produzierte, Zwangsarbeit leisten.