Seit 20 Jahren gehört Klaus Riegert (53) dem Deutschen Bundestag an, seit 1994 errang der in Süßen aufgewachsene Kriminalhauptkommissar bei fünf Wahlen für die CDU das Direktmandat im Wahlkreis Göppingen – mit viel mehr persönlichen Erststimmen im Vergleich zu den Zweitstimmen für seine Partei. Diese politische Karriere findet keine Fortsetzung über die jetzige Legislaturperiode hinaus.

Sie wurde vielmehr am Freitag Abend kurz vor 23 Uhr in der mit über 500 CDU-Mitgliedern voll besetzten Autalhalle in Bad Überkingen für den amtierenden Abgeordneten jäh und unerwartet beendet: In diesen Minuten verkündete die Kreisvorsitzende Nicole Razavi das Abstimmungsergebnis der CDU-Nominierungsversammlung. Bei der Wahl um die nächste Bundestagskandidatur unterlag der favorisierte Riegert seinem Herausforderer, dem Landwirtschaftsmeister Hermann Färber (49), deutlich mit 198 zu 305 Stimmen. Allein aus Färbers Heimatort Böhmenkirch waren rund 130 CDU-Mitglieder angereist, viele waren erst jüngst in die Partei eingetreten.

In seiner Vorstellungsrede hatte Riegert gleich zu Beginn versprochen, noch vor der Bundestagswahl wieder in den Landkreis Göppingen zurückzuziehen. Den hatte er jüngst verlassen, als er an den Wohnort seiner neuen Ehefrau nach Kirchheim gezogen war. „Ich habe sicher nicht immer alles richtig gemacht“, übte Riegert Selbstkritik. Um hinzuzufügen: Nach einer kurzen Lebenskrise bitte er erneut um das Vertrauen der CDU-Mitglieder, um weiterhin mit voller Kraft als Abgeordneter nah bei den Menschen für sie da zu sein.

Riegert verwies auf seine Schwerpunkte und Initiativen im Sozialbereich und bürgerschaftlichen Engagement, sein christliche Menschenbild bilde dafür die Basis. Und er betonte, dass er „nicht nur vom Ehrenamt redet, sondern es auch vor Ort praktiziert.“ Als „langes Bohren dicker Bretter“ bezeichnete Riegert seinen Einsatz für eine B 10-Umgehungsstraße. Zugleich zeigte er sich zuversichtlich, dass der nächste Abschnitt planmäßig gebaut wird. Hier und an anderen Stellen seiner Rede warnte er eindringlich vor dem Grün-Roten Gegner.

In der Wende in ein neues Energiezeitalter erkennt Riegert eine große Chance – sofern man realistisch bleibe, zumal Energie bezahlbar bleiben müsse. Der amtierende Bundestagsabgeordnete erntete für seine Ausführung freundlichen Applaus – deutlich weniger als Färber, der sich vor ihm der versammelten CDU-Basis vorgestellt hatte.

Angesichts der vielen Krisen braucht es nach Einschätzung Färbers engagierte Abgeordnete, die vor Ort greifbar sind und Politik den Menschen erklären können. Der Regierungswechsel in Baden-Württemberg war für Färber der letzte Ausschlag, sich selbst in die Politik einzumischen und „Farbe zu bekennen“. Dass er erst vor zwei Jahren CDU-Mitglied wurde, wie ihm in der Diskussion vorgehalten wurde, konterte er so: „Das war nie ein Problem. In Böhmenkirch, wo ich herkomme, gibt es keine andere Partei.“ Europa wertet der langjährige Vorsitzende des Kreisbauernverbandes als große Chance und Garanten für Freiheit und Frieden. Es dürfe aber nicht zur Sozialisierung der Staatsschulden kommen. Färber will sich für den Mittelstand einsetzen, eine „Einheitsschule“ lehnt er ab. Nach den vielen Enttäuschungen will er sich mit viel mehr Nachdruck für die B 10 neu einsetzen.

Färber empfahl sich als bodenständig, geradlinig, durchsetzungsfähig und mit klaren Wertvorstellungen. Seine Fundamente seien „meine Frau, meine Familie und mein Glauben“, sagte der Katholik, der „glücklich verheiratet“ ist, fünf Kinder hat, darunter bereits einen Hofnachfolger. Er will als ein Mann der Praxis seine Lebenserfahrung in die Politik einbringen und Anliegen der Bevölkerung aufgreifen. Färber versprach: „Ich sage, was ich denke. Und ich tue, was ich sage.“

Eingangs hatte sich die Kreisvorsitzende Razavi über den guten Besuch der Nominierungsversammlung gefreut, er zeige, wie lebendig die CDU sei. Gleichzeitig dankte sie Riegert und Färber für den fairen Umgang miteinander während der parteiinternen Wahlkampfphase. Als nach vierstündiger Versammlungsdauer das Ergebnis feststand, versuchte sie Riegert „in diesem schmerzhaftesten Moment für einen Abgeordneten“ Trost zuzusprechen. Der Abgewählte nahm seine Niederlage konsterniert zur Kenntnis: „Ich bin sehr enttäuscht. Der liebe Herrgott hat offensichtlich etwas anderes mit mir vor“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll und das kommt selten vor“, rang in anderer Weise der Sieger Hermann Färber um Worte. Er dankte umgehend Riegert und beschwor die Geschlossenheit der Partei.