Der Stadtbehindertenring Geislingen (STeiGle) feiert sein zehnjähriges Bestehen. Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe sprach Ulrike Jocham über Barrierefreiheit. Im Zug des demografischen Wandels und einer alternden Gesellschaft, aber auch im Blick auf viele behinderte Menschen, werde ein benutzerfreundliches Wohnen immer wichtiger, sagte sie. Jocham ist Diplom-Ingenieurin in Architektur und Heilerziehungspflegerin, mit einer Weiterbildung in Sozialraumorientierung und Forschung. Sie sieht sich als "Brückenbauerin" zwischen Sozialbereich und Architektur. Daraus entstünden neue Lösungen.

Den Vortrag, zu dem nur 15 Besucher kamen, verfolgte auch Joachim Burkert vom städtischen Bauamt. Er plant im Rathausbereich einen Aufzug - er soll in ein bis zwei Jahren behinderten Menschen den Zugang zu Ämtern erleichtern. Weitere, zum Teil gehbehinderte Gäste, schilderten ihre Situation in kurzen Worten. Es informierte sich zudem Udo Kilian; er baut derzeit im Stadtbereich zwei Drei-Familienhäuser. Die Wohnungen sollen neuesten Standards entsprechen. "Schade, dass vom Stadtseniorenrat niemand gekommen ist", bedauerte STeiGle-Aktivistin Gisela Kohle.

Ziel der Bemühungen von Ulrike Jocham ist, dass Altenhilfe, Behinderte und Jugendhilfe zusammen wirken. Das erläuterte sie anhand des Bielefelder Modells: Dort wurde eine Wohneinheit errichtet, in der ein Drittel Bewohner mit Hilfebedarf und zwei Drittel nicht behinderte Menschen miteinander leben. "Das ist gelebte Inklusion", so Ulrike Jocham. Die Wohnsituation ist bei allen gleich ausgestattet - barrierefrei, mit Farbkontrasten an Treppenstufen, bodengleiche Duschen und vieles mehr. Die Referentin plädiert für diese Ausstattung nicht nur im sozialen Wohnungsbau, sondern generell in der Architektur der Zukunft.

Für jeden, der keine Krankenhaus-Optik möchte, gibt es stylische Lösungen, die erweitert werden können. Auch dazu informierte die Referentin. Zum Beispiel könnten im Bad Haltegriffe angebracht werden, die weggeklappt oder versenkt werden können. "Eine Sitzgelegenheit in der bodentiefen Dusche nützt auch der jungen Mutter, wenn sie ihr Kind duscht", gab die Referentin zu bedenken. Genauso schätze eine junge Mutter den großzügigen Platz, den eine Behindertentoilette im öffentlichen Bereich bietet.

Jocham plädiert dafür, generell so nachhaltig zu bauen, dass eine Wohnung für alle Lebensphasen geeignet ist. So müsse später, bei Einschränkungen, nicht umgebaut werden. Der Weg dorthin scheint jedoch noch weit. "Beruhigend zu wissen, dass sich jemand um solche Dinge kümmert", sagte eine gehbehinderte Zuhörerin. Die Referentin verwies auf folgende Fakten und Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Demnach kommen jährlich mehr als 1000 Menschen bei Treppenstürzen ums Leben. Hinzukommen zirka 17 000 Schwerverletzte und rund 81 000 Leichtverletzte.

Die Veranstalter des STeiGle waren begeistert von den vielen Informationen. Jetzt würden sie sich freuen, "wenn Geislingen ein Vorreiter in der Umsetzung solcher Maßnahmen in öffentlichen Bereichen sein wird", sagte STeiGle-Vorsitzender Michael Schima.

Info: www.inklusiv-wohnen.de