Für gewöhnlich ist Professor Stefan Reindls Arbeitsplatz in der Geislinger Hochschule. Dort, in der Parkstraße, formt er seine Studenten zu Managern in der Automobilwirtschaft. Einmal im Jahr wechselt er seinen Arbeitsplatz, hat seinen Lehrstuhl bei der Autoshow unter einem Baldachin. Seine Studenten sind dann nicht mehr mehrheitlich Twens, sondern bewegen sich im Altersbereich von acht bis zwölf Jahren. "Kinderhochschule" nennt sich das Ganze und ist der Auftakt der gleichnamigen Reihe an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) - mit Vorlesungen quer durch unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen.

"Wir wollen mit dieser Reihe Kinder an die Wissenschaft heranführen, wollen ihnen zeigen, dass Wissenschaft nichts Abgehobenes ist, sondern jeden im Alltag betrifft", sagt Reindl. 50 Buben und Mädchen sind zur Vorlesung gekommen. Das Thema ist anspruchsvoll: Es geht um Carsharing und Elektromobilität. Weil bei Kindern die visuelle Wahrnehmung dominiert - also das Lernen durch Sehen - hat Reindl seine Vorlesung auf Power Point vorbereitet. Sein Exkurs führt von der Erfindung des Automobils über dessen Entwicklung mit verschiedenartigen Antriebssystemen und Fahrzeugklassen hin in die technische Jetztzeit. Reindl versteht es, die Kinder mit Frage und Antwort in seinen Vortrag miteinzubeziehen, "das ist wichtig, so bleiben sie konzentriert und langweilen sich nicht".

Was für manchen Akademiker eine Herausforderung ist, geht Reindl locker von der Hand beziehungsweise über die Lippen: Er vermittelt den künftigen Automobilisten und deren Eltern das komplexe Techniklatein mit einfachen und verständlichen Beispielen. "Das ist schon eine Herausforderung", sagt Reindl: "Man muss sich klar darüber sein, dass man es mit jungen Menschen zu tun hat, denen man erstmal die grundlegenden Begriffe erklären muss. Da hilft es nicht, Car-Sharing mit Auto teilen zu ersetzen, mit dem fangen die ebenso wenig an." Je geringer der Abstraktionsgrad, je plastischer die Beispiele, umso besser verstehen die Kinder die Vorträge. "Wobei ich immer wieder erstaunt bin, was manche Kinder schon wissen", sagt Reindl, der sein Auditorium zu schätzen weiß: "Die Kinder, die da sind, interessieren sich wirklich für die Themen, sie wollen etwas lernen. Ich sage immer: Bei der Kinderhochschule füllen sich die Reihen von vorn nach hinten, bei den Studenten ist es in den Vorlesungen umgekehrt."

Zunächst verhalten, beteiligen sich die Kinder immer reger an der Vorlesung. Sie erfahren alles über die Unterschiede zwischen Fahrzeugen mit Benzin-, Diesel- und Elektroantrieb, außerdem, was es mit hybridgetriebenen Fahrzeugen auf sich hat. "Da sind wir wieder an dem Punkt Verständnis. Es bringt nichts, den Kindern den Begriff Plug-In-Hybrid um die Ohren zu hauen", sagt Reindl, "rede ich aber von einem Auto, das eine Batterie hat, die an der Steckdose wieder aufgeladen werden kann, das aber auch einen Benzinmotor hat, ist alles klar". Bei diesem Thema ist aus den Reihen der kleinen Vorlesungsteilnehmer ein beachtliches Interesse zu erkennen. Reindl: "Einige von ihnen hatten bereits gewisse Detailkenntnisse von ihren Eltern oder vom Rundgang, bei dem auch solche Fahrzeuge zu sehen waren."

Welche Karosserieformen haben Autos? Vom Kombi über Cabrio und Sportwagen bis hin zu futuristischen Fahrzeugen wie dem BMW i8, einem Hybrid mit prägnanten Flügeltüren: Reindl erklärt die Besonderheiten. Dass sich der Name Karosserie vom Namen Karosse ableitet, einem Begriff aus der Kutschenzeit für ein besonders nobles Gefährt, ist selbst manchem erwachsenen Zaungast der Vorlesung neu.

Was man unter Carsharing versteht, vermittelte der Professor für Automobilwirtschaft mit überleitenden Beispielen, etwa wie dies in einer Familie ablaufen könnte. Reindl: "Wenn mehrere Familienmitglieder ein Auto benützen, ist das ja nichts anderes als Carsharing." Jeder der Jungstudenten erhält abschließend das Kinderhochschuldiplom für die erfolgreiche Teilnahme an der Vorlesung. Für Julian Pilz aus Unterböhringen geht es aber noch weiter. Zu Beginn der Vorlesung hat Reindl Quartett-Karten ausgeteilt, Julian Pilz hat die Karte mit dem Porsche 911 gezogen. Sieger! Dem Zehnjährigen ist die Freude ins Gesicht geschrieben, denn er darf in einem solchen PS- starken Boliden mit dem Professor auf Tour gehen, danach gibt's noch ein Eis. Und vielleicht im kommenden Jahr ein Wiedersehen bei der Kinderhochschule: "Mir fällt auf, dass einige der Kinder immer wieder kommen", sagt Reindl, "ich habe da zum Beispiel die Gewinner der beiden Vorjahre gesehen".

Die Termine der Kinderhochschule im Überblick

Die Veranstaltungsreihe "Kinderhochschule" der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) zusammen mit unserer Zeitung gibt es seit elf Jahren. Den Startschuss bildet inzwischen die Vorlesung bei der Autoshow.

Die aktuelle Reihe beginnt am Donnerstag, 2. Juli: Professorin Dr. Barbara Kreis-Engelhardt erzählt bei In jedem steckt ein wildes Tier, das deine Talente weckt, welche Tiere dabei helfen können, Lernblockaden zu lösen. Zusammen mit den Kindern betrachtet sie das menschliche Gehirn, macht Bewegungs- und Fühlübungen mit ihnen und zeigt ihnen, welche Talente in ihnen schlummern.

Am Dienstag, 7. Juli, heißt es bei Professorin Dr. Christiane Flemisch Salut, ça va? Die kleinen Studenten erfahren, wie Deutschlands Nachbarn, die Franzosen, sprechen und leben - und lernen selbst ein bisschen Französisch. Französischkenntnisse sind keine Voraussetzung.

Was haben Heuschrecken und fleißige Bienen mit Firmen zu tun? - diese Frage beantwortet am Donnerstag, 9. Juli, Professor Dr. Dr. Dietmar Ernst. Er erklärt die Bedeutung von Finanzinvestoren für Unternehmen.

Professor Dr. Joachim Reinert lüftet am Dienstag, 14. Juli, das Geheimnis um die Kryptographie und erklärt, wie Geheimes geheim bleibt. Botschaften kann man verschlüsseln, sodass sie nur Eingeweihte entziffern können.

Alle Vorlesungen beginnen um 17 Uhr im Raum 112 in der Bahnhofstraße 37 und dauern 45 Minuten. Der Eintritt kostet einen Euro. Karten für die Vorlesungen der Kinderhochschule gibt es in der Geschäftsstelle der GZ in der Hauptstraße 38.

SWP