Geislingen Autobranche braucht zukunftsfähige Konzepte

Professor Dr. Stefan Reindl leitet den Studiengang Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen und ist neuer Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA).
Professor Dr. Stefan Reindl leitet den Studiengang Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen und ist neuer Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA). © Foto: HfWU
Geislingen / SWP 13.06.2018
„Mobilität beginnt im Kopf“, sagt Professor Dr. Stefan Reindl. Beim Automobilsommer diskutieren der IFA-Chef und weitere Experten über die Zukunft der Branche.

Feinstaubalarm und Fahrverbote, Dieselskandal und überfüllte Straßen und ­Innenstädte: Das Thema Auto ist seit Monaten mit negativen Schlagzeilen verknüpft. Trotzdem ist Professor Dr. Stefan Reindl, Leiter des Studiengangs Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen und neuer Chef des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA), überzeugt davon,  dass das Automobil als individuelles Verkehrsmittel noch längst nicht ausgedient hat. Ein Gespräch mit dem Experten. 

Herr Professor Reindl, das Auto hat noch eine Zukunft?

Ja, davon bin ich überzeugt. Allerdings werden wir das Auto künftig nur dann einsetzen, wenn es sinnvoll ist. Dies wird mit einer intelligenten Vernetzung aller verfügbaren Mobilitätskonzepte gelingen.

Was heißt das?

Das heißt, dass sowohl das eigene Auto als auch der öffentliche Verkehr künftig verstärkt mit anderen Mobilitätslösungen verknüpft werden – beispielsweise mit Car-Sharing- oder Hail-and-Ride-­Konzepten, einer Art Mitfahrgelegenheit.

Das ist aber sicher mit großen Herausforderungen verbunden.

Ja, die Ansätze erfordern einerseits eine stärkere daten- und informationstechnische Vernetzung einzelner Mobilitätsbausteine, andererseits aber auch ein Umdenken der Menschen. Mobilität beginnt in erster Linie im Kopf. Wir, die Nutzer, müssen unsere Fahrten künftig vorausschauender planen, um alle negativen Wirkungen des Verkehrs in den Griff zu bekommen. Nur so können wir sicherstellen, dass die individuelle Mobilität auch künftigen Generationen erhalten bleibt. Das wird nicht zwangsläufig mit Einschränkungen verbunden sein. Innovative Konzepte werden sogar dafür sorgen, dass wir mit weniger Stress beim Fortkommen konfrontiert sind.

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Stefan Reindl kritisiert Fahrverbote, wie sie bereits in Hamburg in einigen Straßenabschnitten für ältere Dieselfahrzeuge gelten: „Die Umweltbelastung wird nicht nur auf andere Gebiete verlagert, sondern wegen der längeren Umfahrungswege sogar noch erhöht.“ Gewinner gebe es keine, betont er: Unter anderem müssten betroffene Fahrzeughalter mit Verlusten beim Verkauf ihres Autos rechnen, auf Kommunen kämen hohe Kosten für die Umsetzung der Verbote zu und in den Innenstädten drohten Versorgungsengpässe, weil auch Gewerbetreibende und Transportunternehmen von den Fahrverboten betroffen sein könnten.

Der Professor findet deutliche Worte für die aktuelle Situation: „Sowohl die Politik als auch die Automobilwirtschaft geben derzeit teils ein desaströses Bild in dieser öffentlich geführten Diskussion ab.“ Gegenseitige Schuldzuweisungen hälfen aber nicht, sondern trügen lediglich zu weiterer Verunsicherung und weiterem Vertrauensverlust bei.

Reindl sieht beim Thema Umrüstung vor allem die Automobilwirtschaft in der Pflicht. Die Branche habe bislang stark technik- und technologiegetrieben agiert – die Produktion und Vermarktung hochattraktiver, technisch ausgereifter Fahrzeuge habe im Mittelpunkt gestanden. Mittlerweile sei aber bei Herstellern und Zulieferern – insbesondere bei Unternehmen im Land – ein deutlicher Strategiewechsel nachvollziehbar: Hin zu ganzheitlichen Konzepten, die die Themen Konnektivität, autonomes Fahren, Sharing Economy und alternative Antriebe berücksichtigten. Stärker denn je seien zudem dienstleistungsorientierte Strategien erkennbar. 

Ohne die Politik geht es nicht: Diese müsse für Verbindlichkeit sorgen und systemisch agieren, sagt Reindl. Statt punktuell ansetzender Maßnahmen wie Fahrverbote brauche es klare Regelungen, wie ältere Fahrzeuge entweder umgerüstet oder aus dem Verkehr genommen werden. Nötig sei ein konkreter Fahrplan für nachhaltige Mobilitätssysteme. „Es geht darum, umgehend Konzepte darzulegen, die alle Bausteine der Mobilität – also Fußgängerverkehr, Fahrradverkehr, öffentlichen Verkehr, aber auch das Automobil – sinnvoll und intelligent miteinander vernetzen.“

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Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf den Studiengang und die Arbeit am IFA? 

Für uns gilt die Maßgabe, stets die aktuellen Branchentrends zu erfassen. Noch wichtiger ist es aus meiner Sicht aber, diese Trends auf ihre Nachhaltigkeit hin zu bewerten. Nur so lassen sich tragfähige und zukunftsfähige Entscheidungen treffen.

Sie müssen darauf reagieren.

Die neuen Zukunftsfelder der Automobilwirtschaft nehmen heute bereits einen breiten Raum ein – etwa bei Projekten zur Innovations- und Technologiefolgeabschätzung und der Umsetzung digitalisierter Vertriebsformen.

Wir sind aber aufgefordert, stärker innovative Geschäftsmodelle in den Fokus der Forschung und Lehre zu rücken. Die Herausforderungen für unseren Studiengang und unsere Studienprogramme sind so auf Studieninhalte gerichtet, die sich stärker mit Dienstleistungs-, Prozess- und Technologie-Innovationen befassen. Dazu kommt die Integration neuer Lehr- und Lernmethoden, der Einsatz digitaler Medien sowie die Internationalisierung unserer Studienprogramme. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund nutzen wir den Automobilsommer und die Autoshow dazu, solche Konzepte praxisnah zu diskutieren.

Info Mehr zum Programm auf
www.automobilsommer-geislingen.de