Tierschutz Ausgesetzte Exoten sorgen bei Tierfreund Michael Geier für Frust

Michael Geier hält eine Alligatorschildkröte. Sie ist eines der bei ihm abgesetzten Fundtiere, die der Weilerner nicht mehr weitervermitteln kann. Für sie sucht er Paten.
Michael Geier hält eine Alligatorschildkröte. Sie ist eines der bei ihm abgesetzten Fundtiere, die der Weilerner nicht mehr weitervermitteln kann. Für sie sucht er Paten. © Foto: Rainer Lauschke
Weiler / Jochen Weis 21.04.2017
Der Weilerner Michael Geier findet immer wieder ausgesetzte Exoten vor der Ladentür seines Zoofachgeschäfts. Ein folgenreiches Ärgernis.

Der Weilerner Michael Geier schiebt Frust. Frust, weil immer wieder vermeintliche Tierfreunde ihre Lieblinge heimlich, still und leise bei ihm vor die Türe stellen – und sich dann aus dem Staub machen. Was moralisch ohnehin verwerflich ist, bekommt eine Brisanz dadurch, dass Geier Besitzer der MG-Zoohandlung in Weiler und unter anderem auf Exoten spezialisiert ist. Weshalb die ausgesetzten Tiere ein repräsentativer Querschnitt durch die Welt der Terrarien und Aquarien sind: Bartagamen und andere Echsen, dazu Schildkröten und Schlangen. Die Stars sind ein Kaiman und eine Alligatorschildkröte, die Geier schon vor Jahren aufgenommen hat. Außerdem stehen regelmäßig in Schachteln eingepfercht Ziervögel und Nager vor Geiers Tür.

Problem: Sorgloser Handel

Gut 50 Fundtiere stark ist im Schnitt der Bestand, „viele lassen sich weitervermitteln, manche leider nicht“, erzählt Geier. Was zum einen daran liegt, dass die Tiere durch falsche Haltung körperliche Schäden haben oder verhaltensgestört sind, zum anderen daran, dass sie gar nicht mehr abgegeben werden dürfen wie die Gelbwangen-Schmuckschildkröten. „Die EU will invasive, also gebietsfremde Tierarten bekämpfen und hat dazu eine entsprechende Liste erlassen“, erklärt Geier, „darauf steht auch die Gelbwangen-Schmuckschildkröte. Seit August 2016 ist deren Anschaffung, Haltung, Vermehrung und Weitergabe verboten.“ Ergo bleiben die Tiere bei Geier hängen, der – um auf der rechtlich sicheren Seite zu sein – vor zwei Jahren beim Landkreis Tierheimstatus beantragt und bekommen hat.

Weit schwerer als irgendwelche Verordnungen wiegt laut Geier der sorglose Umgang beim Handel mit Exoten, der ihm das Gros der ausgesetzten Tiere beschert. Gerade die großen Zoohandel-Ketten trügen wesentlich zum Problem bei. „Je größer das Geschäft ist, desto weniger spielt Beratung eine Rolle“, sagt Geier, „die Leute gehen rein und kaufen sich wie in einem Supermarkt ihre Bartagame. Später merken sie, dass sie die Haltung überfordert. Oder sie wissen nicht wohin mit nachgezüchteten Tieren.“

Bislang war es für den Tierfreund keine Frage, solche Verstoßenen aufzunehmen. „Soll ich ein Tier seinem Schicksal überlassen, so dass es möglicherweise qualvoll verendet?“ Allerdings stößt Geier mittlerweile an die Grenze des finanziell Machbaren. „Pro Woche fallen etwa 200 Euro Kosten für Versorgung und Unterbringung der Fundtiere an. Das macht pro Jahr mehr als 10 000 Euro“, erklärt er. Zwar lassen sich gut 90 bis 95 Prozent der Fundtiere weitervermitteln, „aber damit ist nichts verdient. Nochmal Beispiel Bartagame: Diese Echsen werden auf E-Bay für ein paar Euro verschleudert.“ Ergo bleibt Geier auf seinen Kosten sitzen, weshalb er sich schon seit Jahren um Unterstützung der öffentlichen Hand bemüht.

Immer wieder sei er bei der Geislinger Stadtverwaltung vorstellig geworden, habe darum gebeten, in die Kooperation der Tierschutzvereine mit den Kreiskommunen aufgenommen zu werden, zumal er im Gegensatz zu den anderen Tierheimen die Möglichkeit habe, Exoten unterzubringen. Getan habe sich nichts. Weshalb Geier inzwischen neue Fundtiere direkt ans Ordnungsamt weitergibt. Zudem möchte er Paten – Firmen oder Privatleute – für die nicht vermittelbaren Tiere gewinnen.

Philipp Theiner, Leiter des Ordnungsamts, kann Geiers Ärger verstehen und ist ebenso an einer Lösung interessiert, „wir wollen ihn ja nicht übergehen“. Allerdings sind Theiner die Hände gebunden: Seit 2002 besteht erwähnte Kooperation, wonach sich die Tierschutzvereine von Geislingen und Göppingen sowie der Katzenschutz Donzdorf zur Aufnahme, Unterbringung und Weitervermittlung sämtlicher Fundtiere der an der Vereinbarung beteiligten Kommunen verpflichtet haben. Diese insgesamt 38 Kommunen – darunter Geislingen – bezuschussen die Arbeit der Tierheime, indem sie einen Teil der Hundesteuer abführen. Aktuell teilen sich die drei Vereine eine jährliche Pauschale von 90 000 Euro.

Zwar hat sich inzwischen die Chance aufgetan, Geier miteinzubeziehen: Im Juli 2016 hatte der Göppinger Tierschutzverein die Vereinbarung aufgekündigt, weil er auf einen höheren Anteil pocht. Zuletzt lag der Verteilerschlüssel bei je 45 Prozent für Göppingen und Donzdorf sowie zehn Prozent für Geislingen. Die Verhandlungen laufen jedoch noch, bis zu einer Neuregelung gilt der bisherige Vertrag weiter.

Und damit auch das bestehende Prozedere. Das heißt, es ist grundsätzlich Aufgabe der Tierschutzvereine, Fundtiere aufzunehmen. „Sollten die Tierheime nicht in der Lage sein, abgegebene Tiere selbst unterzubringen  – aus Platzgründen oder anderweitig – obliegt es zunächst den Kooperationspartnern, über deren Netzwerke andere Möglichkeiten oder Partner zu finden“, erläutert Theiner. Wo und wer das letzten Endes ist, darauf habe die Stadt keinen Einfluss.Bisher sei es aber noch nicht vorgekommen, „dass wir für Fundtiere, die bei uns angezeigt beziehungsweise abgegeben wurden, keine Unterbringung gefunden haben“. Mit der bestehenden Vereinbarung komme die Kommune zudem ihrer gesetzlichen Pflicht nach, vier Wochen lang die Kosten für die Unterbringung von Fundtieren zu tragen.

Dessen ungeachtet hat sich die Stadtverwaltung bereits für Geier stark gemacht. „Ich habe in der Bürgermeisterversammlung darauf hingewiesen, dass wir dringend eine Lösung für die Exoten brauchen“, sagt Oberbürgermeister Frank Dehmer, der Geier damit bei den Vertragsgesprächen ins Spiel gebracht hat. Ob Geier mit seinem Tierheim als nicht gemeinnütziger Verein, sondern Privatbetrieb im neuen Kooperationsvertrag berücksichtigt wird, die Entscheidung liege aber nicht in seiner Macht, betont Dehmer.

Info Wer sich für ein Patenschaft für nicht vermittelbare Tiere in Michael Geiers Tierheim interessiert, kann sich unter Tel (0172) 9 82 43 86 an ihn wenden.