Geislingen Atif Saeed hat viele schlechte Erinnerungen

Atif wirkt nicht gerade glücklich, obgleich seine Flucht nach Deutschland gelang. Momentan besteht sein Alltag aus Warten.
Atif wirkt nicht gerade glücklich, obgleich seine Flucht nach Deutschland gelang. Momentan besteht sein Alltag aus Warten. © Foto: Markus Sontheimer
STEFANIE SCHMIDT 22.04.2016
Das Containerdorf in der Geislinger Rheinlandstraße ist das neue Zuhause von Atif Saeed. Der Wunsch nach einer besseren Zukunft in Sicherheit veranlasste den 23-Jährigen aus Pakistan, seine Heimat zu verlassen.

Das Containerdorf in der Geislinger Rheinlandstraße ist das neue Zuhause von Atif Saeed: ein kleines Zimmer im zweiten Obergeschoss mit gerade genug Platz für ein Stockbett, ein Bett und einen kleinen Tisch mit drei Stühlen. Der 23-Jährige aus Pakistan teilt sich den Raum mit zwei Mitbewohnern.

"Es ist gut hier", sagt der ernsthaft wirkende junge Mann auf seine freundliche, etwas schüchterne Art. Seit September istAtif in Deutschland. Nach einem einmonatigen Aufenthalt in der Ellwanger Erstaufnahmeeinrichtung landete er zunächst in der Gemeinschaftsunterkunft in der Wölkhalle. In seinem neuen Zimmer gefällt es ihm besser, sagt er. Hier gibt es weniger Unruhe und Lärm, dafür etwas mehr Privatsphäre. "Und vielleicht ergibt sich irgendwann auch noch etwas Besseres", hofft er.

Atif stammt aus Rawalpindi, einer Millionenstadt in der Provinz Punjab, wenige Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad entfernt. Dort ging er aufs College, musste seine Ausbildung jedoch aus finanziellen Gründen kurz vor dem Abschluss abbrechen. Generell sei die Lage in Pakistan sehr schlecht, sowohl was die Bildungsmöglichkeiten als auch die generelle Sicherheit betreffe. Seit die Taliban und andere Extremisten dort wieder auf dem Vormarsch seien, sei man nirgendwo im Land mehr 100-prozentig sicher, erklärt Atif.

Hunderte von Menschen sind allein im letzten Jahr durch terroristische Anschläge in Pakistan ums Leben gekommen; die politische und soziale Lage im Land ist angespannt. Vor allem für junge Menschen sei die Situation gefährlich: Sie würden von den Taliban teilweise mit Gewalt gezwungen, sich den Islamisten anzuschließen.

Der Wunsch nach einer besseren Zukunft in Sicherheit veranlasste Atif schließlich, seine Heimat zu verlassen. Er habe einen Landsmann bezahlt, um ihn nach Europa zu bringen. Zusammen mit 30 anderen Menschen war er einen Monat lang mit dem "Auto" unterwegs. Einzelheiten möchte er darüber nicht erzählen: "Es sind einfach zu viele schlechte Erinnerungen, ich rede nicht gerne darüber", bittet er um Verständnis.

Eltern und Geschwister musste Atif zurücklassen. Regelmäßigen Kontakt mit ihnen hat er nicht. Seit er in Deutschland ist, konnte er erst einmal mit seiner Familie telefonieren.

Am wichtigsten ist es für Atif im Moment, Deutsch zu lernen. An einem Deutschkurs kann er allerdings noch nicht teilnehmen. "Es gibt wohl gerade keine Plätze", meint er. Doch die Wartezeit will er nicht ungenutzt verstreichen lassen: Mithilfe von Büchern versucht er, sich möglichst viel Deutsch selbst beizubringen. Dass er gut Englisch spricht - Englisch ist neben Urdu eine der Amtssprachen Pakistans - hilft ihm bei seinem Selbststudium.

Für die Zukunft hofft er, dass er irgendwann die Chance bekommt, eine Ausbildung zu machen - am liebsten in einem technisch-mechanischen Bereich. Er wolle unbedingt Arbeit finden und sich in die Gesellschaft einbringen, betont er. "Ich möchte etwas tun für dieses Land."

Momentan besteht Atifs Alltag allerdings hauptsächlich aus Warten - etwa darauf, dass er einen Platz in einem Deutschkurs bekommt und was aus seinem Asylantrag wird. Die meiste Zeit verbringt er im Containerdorf, Kontakt mit Geislingern hat er noch keinen.

Kürzlich halfen Atif und vier seiner Mitbewohner bei den Forstarbeiten im Roggental. "Herr Rizmann, unser Heimleiter hat gefragt, wer Lust dazu hat." Drei Tage lang verbrachte er von 8 Uhr bis 15 Uhr im Wald, unterstützte die Forstarbeiter und machte am Straßenrand sauber. Das Forstteam sei zufrieden mit ihm und seinen Mitstreitern gewesen, erzählt Atif. Wenn mal wieder Not am Mann sein sollte, wollen sie sich beim ihm melden.