Geislingen an der Steige An „Half Broke Horses“ scheiden sich die Geister der Jugendredakteure

Angelina Neuwirth
Angelina Neuwirth © Foto: Markus Sontheimer
Angelina Neuwirth 05.11.2016

Angelina Neuwirth

Wenn das Wort „Pflichtlektüre“ in der Schule fällt, höre ich schon das kollektive Stöhnen der Schüler. Bücher, die von Lehrern ausgesucht werden, können gar nicht gut sein. Woher wollen sie wissen, was unsere Generation interessiert und gerne liest? Manchmal gibt es aber auch Glücksgriffe – ein Beispiel dafür ist „Half Broke Horses“, ein Roman der in Baden-Württemberg in der zwölften Klasse an Gymnasien gelesen wird. Die Autorin Jeannette Walls beschreibt darin das Leben ihrer Großmutter Lily Casey zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Natürlich gibt es auch in diesem Fall Schüler, denen das Buch zu trocken ist, oder die es schlicht nicht verstehen, weil sie es auf Englisch lesen müssen. Mit knapp 200 Seiten war „Half Broke Horses“ aber gut zu schaffen. Letztlich brauchte ich dafür nur zwei Stunden. Das Leben von Lily Casey Smith war zu interessant, um einfach mittendrin aufzuhören. Nach jedem Kapitel wollte ich das Buch zur Seite legen, nur um fünf Minuten später wieder danach zu greifen, um herauszufinden was Lily in Chicago erlebt oder wie ihr das Leben in Phoenix gefällt.
Die Hauptfigur ist eine unerschrockene Frau, die sich im Leben durchbeißen musste und dabei nicht einmal vor Männern das Duckmäuschen gespielt hat. Emanzipation und Frauenrechte sind auch heute ein wichtiges Thema und werden in der Schule leider viel zu selten behandelt. Junge Frauen und Mädchen brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, wie man aus Schwächen Stärken machen kann, wie man Mut findet.
Vorbilder wie Lily Casey Smith zum Beispiel – Frauen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, die sich nicht hinter ihren Männern verstecken und zu ihrer Meinung stehen. Im Buch werden Themen behandelt, über die wir als junge Erwachsene eine Meinung haben sollten. Es erzählt auch von geschichtlichen Ereignissen, die uns bekannt sein sollten. „Half Broke Horses“ dient nicht nur als guter Lesestoff, sondern kommt unserer Allgemeinbildung zugute.

Maximilian Tkocz:

Half Broke Horses ist so langweilig wie Fußpilz. Klar – für das Abi kann man nicht irgendeinen Rosamunde-Pilcher-Roman nehmen. Die Story muss exquisit und ganz toll sein: Vielschichtig soll sie sein, und anspruchsvoll und ein weltbewegendes Thema soll sie behandeln, so das anspruchsvolle Anliegen der Prüfer. Schon verstanden. Ganz großartig.Doch warum darf es dann kein unterhaltsames Buch sein? Ja, die Themen des Buches „Half Broke Horses“ mögen überwältigend sein – aber muss man ausgerechnet eine Lektüre heraussuchen, die so spannend ist wie Fußpilz? Gut, das klingt ein bisschen hart formuliert, aber jetzt mal ehrlich: Seitenlange Beschreibung des Landlebens eines Mädchens am Anfang des 20. Jahrhunderts sind nicht der Gipfel des Lese-Erlebnisses. Später wird es dann etwas spannender: Sie zieht nach Chicago, sie arbeitet als Dienstmagd, sie heiratet, sie lässt sich scheiden, sie kommt heim, sie geht wieder weg, sie heiratet wieder.

Wir sollten das Buch eigentlich bis nach den Sommerferien gelesen haben. Nach der ersten Schulwoche hingen zwei Drittel meiner Klassenkameraden – mich eingeschlossen – immer noch im dritten Kapitel fest.

Ich habe einen Vorschlag: Wie wäre es mit Büchern wie Harry Potter auf Englisch? Sie sind wirklich spannend, bieten vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten, sind sprachlich sehr interessant. Wie bitte? Zu sehr Mainstream und damit zu bekannt? Okay, okay, wie wär‘s stattdessen mit einem Buch des lange verfolgten Schriftstellers Salman Rushdie? „Haroun and the Sea of Stories“ fällt mir da ganz spontan ein. Es handelt sich um eine vielschichtige Märchengeschichte, die sich wunderbar auf die heutige Welt übertragen lässt, auch Religion und Politik sind große Themen. Wie bitte? Kindergeschichten wie dieses Märchen gehen im Abi gar nicht? Jaja, hab schon verstanden. Dann können wir aber doch wieder auf Bücher von  Rosamunde Pilcher zurückgreifen.