Kulturherbst Als Musik noch politisch war

Der Autor Christoph Wagner liest aus seinem Buch  „Träume aus dem Untergrund –  Eine Reise in die  Geschichte der südwestdeutschen Popmusik“. 
Der Autor Christoph Wagner liest aus seinem Buch  „Träume aus dem Untergrund –  Eine Reise in die Geschichte der südwestdeutschen Popmusik“.  © Foto: Claudia Burst
Claudia Burst 12.10.2018

Eine magische Zahl. 1968 – die Chiffre einer Generation, das Signet für Aufruhr und Revolution. Ohne Begrüßung oder sonstige Einleitung steigt Christoph Wagner am Mittwochabend ins Thema des Geislinger Kulturherbstes ein. Der Musikjournalist liest aus seinem Buch „Träume aus dem Untergrund – Als Beatfans, Hippies und Folkfreaks Baden-Württemberg aufmischten”.

Die 20 Besucher im gemütlichen Lesecafé der Geislinger Stadtbücherei sehen zwar nicht (mehr) so aus, können aber vom Alter her genau zu dieser angesprochenen Zielgruppe gehört haben. Entsprechend fallen auch ihre Reaktionen auf die Recherchen aus, die Christoph Wagner in seinem Buch zusammengetragen hat: sichtbar amüsiert, immer wieder leises Lachen oder heftiges Nicken. Weil sie sich an jene Zeit erinnern, in der sie selber Musik machten, mit Freunden zu den Konzerten angesagter Bands pilgerten oder die Clubs besuchten, die auch in der schwäbischen Provinz wie Pilze aus dem Boden schossen.

Wagner hat sich mit Zeitzeugen und früheren Musikern unterhalten, Zeitungsarchive durchforstet und hinterfragt, welche Spuren die musikalisch-wilden 68er außerhalb der Großstädte wie Stuttgart und Mannheim hinterließen.

Dabei stieß er auf spannende Details – etwa, dass die später berühmte Rockband „Black Sabbath“ nach einer Tingeltour durch die Schweiz auf der Rückfahrt nach England noch drei Konzerte mitten im Schwabenland gab: am 19. Dezember 1969 im Treppenhaus der Kaufmännischen Schule in Göppingen, einen Tag später im Club Manufaktur in Schorndorf und am dritten Tag in der Johanniterhalle in Schwäbisch Hall. Dort, wo heute Würths berühmte Ausstellung für Gemälde und Skulpturen alter Meister zu sehen ist.

„Das war kein Zufall“, verdeutlicht Wagner. In Südwestdeutschland habe es zu jener Zeit eine lebendige Musikszene gegeben, die vor allem britischen Bands hofierte. Was Wagner ebenfalls herausgefunden hat: Ozzy Osbourne und Kumpane bezogen Quartier bei Werner Schretzmeier, dem Gründer der Schorndorfer Manufaktur und heutigem Leiter des Theaterhauses in Stuttgart. „Und sie ließen sich ablichten: es gibt Fotos von ihnen auf dem Friedhof zwischen Adelberg und Schorndorf. Sie machten jeden Spaß mit.”

Christoph Wagner macht bei seiner Lesung deutlich, dass Musik jener Zeit politisch motiviert war und als Verbreitungsmittel diente für den Kampf um Selbstbestimmung und Nonkonformismus und gegen Materialismus.

Dass sie mit jugendlichem Idealismus und unglaublichem Aktivismus in die hinterste Provinz katapultiert wurde – auch dank Musikinitiativen wie GIG aus Reutlingen. Die engagierte sich gegen die “Profitgeier” in der Musikszene und ermöglichten Konzerte für wenig Eintrittsgeld.

In den Pausen zwischen seinen Lese-Parts zeigt Christoph Wagner mit dem Beamer Fotos aus seinem Buch: Schwarzweißfotos von Konzerten mit Jimi Hendrix oder Pink Floyd, von Festivals in Germersheim, vom Publikums-Protest in Tübingen, von Eintrittskarten und Plakaten.

Während dieser Phasen ist die Musik auch zu hören. Dafür sind zwei eingefleischte Musiker nach Geislingen gekommen: Manfred Kniel mit seinem Schlagzeug und Fritz Heieck am Keyboard.

Sie experimentieren und verfremden Jazz oder Black-Sabbath-Rock, Pink-Floyd und psychedelischen Sound jener Zeit, dass es den Zuhörern kalt über den Rücken läuft und doch Erinnerungen wachruft.

Alle drei Protagonisten erhalten am Ende viel Beifall.

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