Traditionsbetriebe Als die Gurken noch wertvoll waren

Seit 1904 direkt an der Geislinger Helfenstein-Klinik verwurzelt ist der Gärtnereibetrieb der Familie Vogt. Er wird nun schon in der vierten Generation geführt. Von links: Walter Vogt, seine Frau Elisabeth und ihr Sohn Thomas,  der den Betrieb leitet.
Seit 1904 direkt an der Geislinger Helfenstein-Klinik verwurzelt ist der Gärtnereibetrieb der Familie Vogt. Er wird nun schon in der vierten Generation geführt. Von links: Walter Vogt, seine Frau Elisabeth und ihr Sohn Thomas, der den Betrieb leitet. © Foto: Claudia Burst
Geislingen / Claudia Burst 29.08.2018
Die Gärtnerei Vogt an der Helfenstein Klinik ist seit 1904 dort verwurzelt. Früher war der Gärtnerberuf ein wahrer Knochenjob.

Früher war der Gärtnerberuf ein richtiger Knochenjob. Einer, der sich bestens an diese Zeit erinnert, ist der 79-jährige Walter Vogt aus Geislingen. Der Gärtnermeister und Gartenbauwirtschafter ist auf dem Gelände aufgewachsen, wo sich noch heute die Gewächshäuser und der große Laden der Gärtnerei Vogt an der Helfenstein-Klinik befinden. Als Bub hat er die Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt.

Sein Opa Karl Vogt gründete die Gärtnerei Vogt im Jahr 1904. „Das war anfangs alles Freiland. Und zwar bis zur Siedlungsstraße, also noch der ganze Bereich, den heute die Krankenhausparkplätze einnehmen“, erzählt er. Und davon, dass Karl Vogt fast blind aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrte. Dass dessen vier Töchter und ein Sohn mit dem Vater die Gärtnerei weiterführten und der Sohn dann im Zweiten Weltkrieg verletzt wurde.

Kohl, Salat und Bohnen

„Wir alle waren damals eingespannt, auch meine Mutter Elsa, die tagsüber bei der WMF arbeitete“, sagt Walter Vogt. Auf dem Freiland bauten sie Gemüse an. Vor allem Kohl, Salat und Bohnen. „Nach dem Krieg standen die Kunden dafür Schlange. Wir teilten das Gemüse in Stücke, damit es für alle reichte.“

Die Nachbarn zeigten sich dankbar. Viele Jahre lang halfen im Herbst und Frühling alle mit, wenn das gesamte Freigelände – sechs Ar – von Hand umgegraben und mit Mist gedüngt werden musste. „Damals mussten wir nicht zum Bodybuilding, um uns fit zu halten“, bemerkt der Senior heute schmunzelnd.

Das war die Zeit, als Gurken noch wertvoll waren. „Eine Gurke kostete eine Mark. Das war gleich viel, wie ein Zentner Koks kostete“, erinnert er sich. Er weiß noch, wie er als Bub mit dem Opa im Zug nach Fellbach zu einem Spezialbetrieb fuhr und 50 Gurkenpflanzen in zwei Spankörben mit nach Hause brachte. Die bauten sie in einem kleinen Gewächshaus und dem in die Erde hineingebauten Erdhaus an, dessen Dach aus Glas bestand.

Walter Vogt erinnert sich auch an seine Lehre Mitte der 1950er-Jahre bei der Gärtnerei Schmid. „Mitten im Winter ernteten wir Ackersalat. Dazu mussten wir erst meterhohen Schnee wegschaufeln, dann die Pflänzchen abkehren, um sie – ohne Handschuhe – vorsichtig abzuschneiden. Die Wurzeln und braunen Blätter entfernten wir abends nach Feierabend.“

Obwohl das Ganze ein „Knochenjob“ war, wie er es bezeichnet, ist Walter Vogt genauso ein Überzeugungstäter im Beruf wie sein Sohn Thomas, der heute den Betrieb leitet. Auch der habe schon als Bub am liebsten mit Schubkarre, Schäufele und echter Erde gespielt, verrät seine Mutter Elisabeth. Sowohl Vater als auch Sohn lieben die Natur und alles, was mit ihr zusammenhängt. „Ich finde, das geht heute oft verloren. Die Menschen wissen heute gar nicht mehr, dass jede einzelne Pflanze monatelang gehegt und gepflegt wird, bis sie den Menschen erfreut. Die Wertschätzung fehlt“, beklagt Thomas Vogt.

Die körperliche Arbeit als Gärtner ist nicht mehr mit der Anstrengung von damals zu vergleichen dank der inzwischen vier Gewächshäuser plus drei ­saisonalen Folienhäusern plus ­einer ausgeklügelten computergesteuerten Klima-Steuerung. Aber auch dank moderner Züchtungen und einer in vieler Hinsicht ­rationalisierten Arbeitsweise.  „Stressig ist es trotzdem“, erklärt Thomas Vogt. Zur Arbeit in den Gewächshäusern kommen Fahrten auf Messen und zu Versuchsstationen an Unis oder Gartenbauschulen. „Man weiß vorher nie, was die Kunden in einem halben Jahr haben wollen. Wir müssen die Trends erspüren, uns regelmäßig informieren – und trotzdem ist es wie ein Lotteriespiel“, macht er die Herausforderung deutlich. Zugute kommen dem 50-Jährigen die eigenen Erfahrungswerte plus die seiner Eltern. Noch heute ist er froh, dass sein Vater die Bestell-Kataloge konzentriert durchblättert und ihm Tipps gibt und seine Mutter als Floristin im Laden immer noch nahe an der Kundschaft arbeitet.

Die Freude an purer Erde ist ihm ebenfalls geblieben. Sein Lieblings-Steckenpferd – auch wenn das ebenfalls sehr arbeitsintensiv ist – ist die individuelle Grabpflege. „Die erfüllt mich“, erzählt er und zeigt Fotos unterschiedlicher Grabbepflanzungen, die mit dem Grabstein harmonieren und Würde ausstrahlen. „Da kommt auch viel vom Kunden zurück. Das ist schön“, konstatiert er.

Info In einer kleinen Serie stellt die GEISLINGER ZEITUNG Handwerksbetriebe mit einer langen Tradition vor. Melden Sie sich doch bei uns: Tel. (07331) 202-42 oder per E-Mail an geislinger-zeitung.redaktion@swp.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel