Geislingen / KARSTEN DYBA  Uhr
Bernd Lucke wirbt für die neue Partei und muss sich für die alte rechtfertigen. Über die AfD sagt er: "Die AfD ist eine Wutbürger- und Protestpartei geworden, die teilweise fremdenfeindlich ist".

"Herr Lucke, ham' Sie mal ne Mark?" Die Frage belustigt den Europaabgeordneten und Bundesvorsitzenden der "Allianz für Aufbruch und Fortschritt" (kurz: Alfa) beim Besuch in Geislingen. "Nö, hab' ich nicht. Aber ich hätt' sie gerne wieder." Die Kritik am Euro und der Euro-Rettung angesichts der Griechenland-Misere - das war einst sein Markenzeichen. Das war der Grund, warum er die AfD gründete - die Alternative für Deutschland. Sie war gedacht als "politische Erneuerung" des bürgerlich-liberalen-konservativen Milieus, das sich enttäuscht von der Merkel-CDU abgewandt hatte.

Im Wahlkampf zur Landtagswahl am Sonntag ist das aber längst kein Thema mehr. Lucke muss zuschauen, wie sein einstiges Ziehkind, die AfD, im Aufwind davonsegelt. Weil sich der rechte Rand wegen der Asylpolitik von der Merkel-CDU verabschiedet.

"Meinen Sie jetzt Alfa oder die AfD?", fragt der Gründer beider Parteien. Dass er überhaupt zurückfragen muss, ist ihm nicht ganz so recht. Die Geister, die er rief, wird er sie nun nicht mehr los? Man solle ihn nicht falsch verstehen, aber eigentlich sei er nicht gekommen, um sich für die AfD zu rechtfertigen. Lucke lacht, auch wenn er sich des Ernstes der Lage bewusst ist: Enttäuscht sei er nicht, eher "erleichtert". Der AfD-Parteitag in Essen, bei dem er als Vorsitzender nicht mehr wiedergewählt wurde und deshalb austrat, sei für ihn auch Neuanfang gewesen.

Herr Lucke, ham' Sie mal ne Mark? Die Frage belustigt den Europaabgeordneten und Bundesvorsitzenden der "Allianz für Aufbruch und Fortschritt" (kurz: Alfa) beim Besuch in Geislingen. "Nö, hab' ich nicht. Aber ich hätt' sie gerne wieder.

"Die AfD ist eine Wutbürger- und Protestpartei geworden, die teilweise fremdenfeindlich ist", stellt ihr Gründer fest. "Das ist für mich keine seriöse politische Alternative mehr." Der Auftritt des Rechtspopulisten Björn Höcke im Geislinger Kapellmühlsaal vor vier Wochen ist für Lucke ein gutes Beispiel. Den Scharfmacher kennt er noch aus seinen AfD-Zeiten: "Leute wie Höcke zählen für mich zu denen, die die Glaubwürdigkeit der AfD zerstört haben durch Äußerungen, die durchaus einen völkischen Einschlag haben. Das ist ein Denken, das in Deutschland nicht mehr salonfähig sein darf.

Die Butterbrezel rührt er nicht an, einen Kaffee möchte Lucke auch nicht. Er habe bei der Anreise schon etwas getrunken. Straßburg, Stuttgart, dann Geislingen. Mit dem Zug und mit dem Auto über die A8. Deren Albaufstieg kennt er nicht, die B10 immerhin schon vom Hörensagen - seine Parteifreunde haben ihm von der Misere berichtet. Von der Geislinger Steige hat er einmal gehört, die WMF kennt er auch. Das gute WMF-Chromarganbesteck sei ihm bei einem Forschungsaufenthalt in den USA schon einmal gestohlen worden - die Diebe hätten es wohl für Silber gehalten.

Geislingen ist nur ein Stopp auf seiner Last-Minute-Wahlkampftour. Auf den letzten Drücker, vier Tage vor der Wahl, fährt er weiter nach Göppingen, spricht in Eislingen, tourt anderntags weiter nach Karlsruhe und Donaueschingen. "Unser Hauptproblem ist die mangelnde Bekanntheit", räumt Lucke offen ein. Im Raum Geislingen hat die Partei erst mal eine Weile gebraucht, um Strukturen aufzubauen, und dann endlich einmal in den Wahlkampf zu starten. Ihr Kandidat, Herbert Krüger, ist gar kein Geislinger, sondern Neckartenzlinger Bürgermeister. Dass die Alfa-Kandidaten sich in ihren Wahlkreisen kaum auskennen, kratzt Lucke wenig. "Kandidaten müssen in erster Linie gut sein." Dass die Alfa im Landtagswahlkampf kaum eine Rolle spielt und - im Gegensatz zur AfD - keine Chancen auf den Einzug in den Landtag haben wird, wischt Lucke beiseite. "Wir wissen, dass ein Erfolg nicht vom Himmel fällt, sondern einen langen Atem braucht. Den haben wir."

Doch was unterscheidet seine neue Alfa nun von der nach rechts abgedrifteten AfD, die in Geislingen so hohe Wellen schlug? Seine neue Partei habe ein Programm, die AfD nicht, versichert Lucke. Die Alfa will die Flüchtlingsströme steuern, die AfD will gar keine haben. Die Alfa mache ein Angebot für jene, die von der CDU enttäuscht sind, denen die FDP zu sehr Klientelpartei ist und die keine AfD wählen wollen, die ins rechtsnationalistische Lager abgedriftet ist. "Wir sind kein Rand, wir sind der Kern des bürgerlichen Lagers", sagt Lucke. Seine Partei sei "teilweise konservativ, teilweise liberal, teilweise sozial".

Sozial auch? Ja, sagt Lucke, er sorge sich beispielsweise um die Rente. Das spreche derzeit keine andere Partei an. Ist ja auch kein landespolitisches Thema. Da landet Lucke wieder bei jenem, das den Wahlkampf dominiert: Das Asylproblem. Lucke: "Ein Sozialstaat mit offenen Grenzen ist nicht möglich, weil dann zu viele Menschen kommen, um davon zu profitieren, als wir finanzieren können."

Und ja, das Ländle: Warum die B10 nicht schon längst gebaut ist, ist für Lucke "völlig unverständlich". Es sei bekannt, dass er gerne Rad fahre - aber eben in der Freizeit. Radwege seien dagegen "keine wirtschaftsnahe Infrastruktur". Es rolle ja kein Lkw darauf.

Lucke blickt auf die Uhr. Jetzt muss er nach Göppingen - die Alfa bekannter machen. Natürlich über die B10. Sein Wahlkampfhelfer wird ihm unterwegs zeigen, was dort das Problem ist.

Zur Person

Bernd Lucke Der Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburgst ist am 19. August 1962 in West-Berlin geboren und in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Seit 2014 sitzt er als Abgeordneter im Europäischen Parlament. Nach 33 Jahren in der CDU gründete er 2013 die Alternative für Deutschland (AfD). Nach einem internen Machtkampf und der Abwahl als Parteivorsitzender trat er aus und gründete 2014 eine neue Partei, die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa).