Geislingen / Ruben Wolff Weihnachten ist das Fest von der Menschwerdung Gottes. Ist es die Versöhnung von Göttlichem und Menschlichem – oder ein Ärgernis?

Am Anfang des Glaubens ist das Ärgernis. Jesus soll Gott gewesen sein und gleichzeitig Mensch. Was sollte schon ärgerlicher sein, als sich diesen Widerspruch denken zu müssen? Wie kann es sein, dass Heiligkeit und Erniedrigung „gleichzeitig“ sind? Das fragte sich der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813 – 1855) in seinem Buch Einübung im Christentum.

„Wenn ich Gott wäre, was würde mich dazu bewegen, ein Mensch werden zu wollen?“, fragt der Gegenwartsphilosoph Anton Schmitt, Dozent an der HfWU Nürtingen-Geislingen (Hochschule für Wirtschaft und Umwelt) im Studium Generale. Er antwortet theologisch und mit einer Parabel Kierkegaards: Es sei die Liebe gewesen, mit der sich ein König zum Bettler machte, um einer Frau aus ärmlichen Verhältnissen nahe zu sein. Auf diese Weise überbrückte der einstige König die Distanz zwischen ihnen, verzichtete auf seine Krone und auf seinen Reichtum. So nahm Gott nicht nur einen menschlichen Körper an, sondern ein ganzes menschliches Leben mit all den Schmerzen und Ängsten, die unsere Art so quälen können.

Denken und Widerspruch

Trotzdem sei das eine Sache des Vertrauens, nicht aber der Vernunft: „Der Glaube beginnt dort, wo das Denken aufhört“, sagte der so gerne provozierende Kierkegaard in Furcht und Zittern. ­Dieses Ärgernis von der Menschwerdung Gottes könne nicht intellektuell gelöst werden. Es sei letztlich ein unauflösbarer Widerspruch, doch „ein Denker ohne Paradox sei ein Liebender ohne Leidenschaft“, so der Däne im 19. Jahrhundert. Glaube benötige also Mut, weil er herausfordere. Der Mensch müsse einen Sprung wagen, um zu glauben, ein Gedanke Gottes zu sein, urteilt Schmitt mit Sören Kierkegaard.

Der Mensch brauche die Unruhe, diese „fundamentale Unzufriedenheit“, sagt Anton Schmitt. Sie treibe den Menschen im Denken an, helfe ihm, Ängste zu überwinden und sich weiterzuent­wickeln. Dieses Gefühl von Unvollkommenheit und Verlorenheit motiviere ihn also, werde aber nur durch die Hoffnung auf Liebe geheilt. Der Gläubige lerne, dass auch in ihm als Menschen Vollkommenes sei, so Schmitt.

„Menschen haben in der Regel viele Schwierigkeiten mit sich selbst. Es fällt nicht jedem leicht zu glauben, liebenswert zu sein“, sagt Schmitt. Religion könne auf diese Weise erlösen. „Das sieht man aber auch in der ganz alltäglichen Erfahrung der Nächstenliebe“, sagt Schmitt und denkt dabei generell an eine Beziehung zwischen Menschen. Den Wunsch so geliebt zu werden, wie man ist, haben vielleicht alle. In der Religion findet er für den Gläubigen seine Erfüllung. „Wir starten wie das Jesuskind in dieses Leben“, sagt der HfWU-Philosoph im Gedanken an Hans Jonas: Es ist das Angebot und die Erwartung, unbedingt geliebt zu werden.

Das Dazwischen als Ort der Ruhe

In Ritualen fühlt sich der Gläubige besonders lebendig. In ihnen wird er gleichzeitig mit Jesus Christus. Er überschreitet in seinem Verständnis eine Schwelle vom Profanen ins Sakrale. Im Moment dieser Gleichzeitigkeit besteht eine tiefe Emotionalität und Nähe, die für Kierkegaard bedeutender ist als die Geschichte. Es ist die Existenzmitteilung Gottes für jeden einzelnen und an Weihnachten hören diese vielleicht besonders viele Menschen.

Das Religiöse bietet Dauerhaftes an in einer Gesellschaft, die von der Unruhe einer wechselhaften Arbeitswelt geprägt ist. Als Arbeitnehmer hetzen wir das ganze Jahr über von Termin zu Termin und opfern unsere Kräfte, um Geld zu verdienen. Weihnachten ist davon natürlich nicht vollkommen befreit, weiß Anton Schmitt, der von einem „Konsumfestival“ spricht. Das Kapital würde aber nur triumphieren, wenn das Religiöse oder das Familiäre des Festes vollkommen verloren ist. Daran glaubt Schmitt allerdings nicht. Mit Weihnachten beginne eine Woche der Ruhe, die erst mit Silvester ende. In diesen Tagen lebten wir in einem „Dazwischen“. Das alte Jahr ist beinahe um, im neuen sind wir noch nicht angekommen: Hier findet sich eine Chance, um ruhig zu werden.

Aus unserem Archiv:

- Ökonomie und Philosophie: Im Studium Generale das Andere durchdenken

- Porträt über Anton Schmitt: Wenigstens einmal sollte man alles infrage stellen