Gastronomie Abschied vom Waldhausener Ochsen

Steffen Lohrmann hinter der Theke des Ochsen. Am Sonntag wirbelt er zum letzten Mal im Landgasthof.
Steffen Lohrmann hinter der Theke des Ochsen. Am Sonntag wirbelt er zum letzten Mal im Landgasthof. © Foto: Markus Sontheimer
Waldhausen / Jochen Weis 20.07.2018
Zehn Jahre lang war Steffen Lohrmann Ochsen-Wirt in Waldhausen. Am Sonntag ist Schluss. Lange hat er mit dem Entschluss gerungen.

Am Sonntag ist Finale furioso im Waldhausener Ochsen: An diesem Tag hat der Landgasthof im Geislinger Stadtbezirk– zumindest vorerst – letztmals geöffnet. „Ich will wieder etwas mehr nach mir schauen“, sagt Steffen Lohrmann, der die Gaststätte mit seiner Lebensgefährtin betreibt – und der ganz Waldhausen zur großen Abschiedssause erwartet („Da hat sich schon der ganze Ort angekündigt“).

Es sei kein leichter Entschluss gewesen, nach zehn überaus erfolgreichen Jahren („Wir haben inzwischen Stammgäste, die kommen bis aus Ulm und Heidenheim zu uns“) diesen Schritt zu tun, sagt der Koch, der das Aushängeschild der Gaststätte ist. „Wir haben bei null angefangen, haben den Betrieb über die Jahre etabliert und sind mittlerweile nicht mehr bei 100, sondern eher schon bei 150. Und es war toll, diese Entwicklung mitzuerleben“, erzählt der 40-Jährige.

Nun aber sei es einfach an der Zeit, die eigene Gesundheit in den Vordergrund zu rücken. Wer schon einmal in der Gastronomie gearbeitet hat, der weiß, welcher Knochenjob das ist – vor allem, wenn es sich um einen kleinen Familienbetrieb handelt. „Dementsprechend hatten wir nur an Wochenenden und Feiertagen geöffnet oder auf Voranmeldung. Weil die ganze Vorbereitung letztlich bei mir allein lag, war das nicht anders zu stemmen.“ Hinzu kommt, dass Lohrmann in jungen Jahren eine Krebserkrankung überstanden hat und deshalb seinem Körper endlich wieder mehr Achtsamkeit schenken möchte. Genau dieser Gedanke sei letztlich das Zünglein an der Waage bei allen Überlegungen – weitermachen, möglicherweise gar den Betrieb ausbauen oder aber aufhören – gewesen.

„Wenn wir alles über die Bühne gebracht haben, steht erst mal ein Urlaub an“, sagt der 40-Jährige, „danach mache ich mir dann Gedanken, wie es weitergeht. Ich weiß nur eins: Es wird nichts mehr mit Gastronomie zu tun haben.“ Eine klare Ansage von jemanden, der schon morgen wieder einen Job in einer Branche hätte, die händeringend Personal sucht, allen voran Köche.

„Keiner will es mehr machen“, sagt Lohrmann, „wenn sich andere abends oder an Wochenenden mit Freunden treffen oder mit der Familie etwas unternehmen, ist man selbst ständig außen vor, weil man in der Küche steht und arbeiten muss.“ Für Lohrmann war vor zehn Jahren der Weg zum Ochsen-Wirt dagegen fast schon vorgezeichnet gewesen, „meine Großtante war die Besitzerin, das hat sich angeboten“. Sein Ehrgeiz, seine Motivation sei es gewesen, die Gaststätte wieder zu dem zu machen, was sie mal war: eine Institution. Deshalb sei er auch vom Erfolg überzeugt gewesen, „man kennt den Gasthof“.

Was Waldhausens Ortsvorsteher Reiner Strehle nur bestätigen kann. „Von der Wiege bis zur Bahre“ habe der Ochsen früher zum Leben der Waldhausener gehört. „Man hat dort die Taufe seiner Kinder gefeiert, man hat dort seine Hochzeit gefeiert – und die Hinterbliebenen sind nach der Beerdigung zum Leichenschmaus dorthin gegangen“, erzählt Strehle. Zudem sei der Ochsen seit jeher Anlaufstelle für Vereine gewesen, „nicht nur die von Waldhausen. Und die Gaststätte war früher als Tanzlokal in der Region bekannt. Als die alte Wirtschaft 1961 abgerissen und neu gebaut wurde, gab es kaum ein anderes Lokal in dieser Größenordnung.“ Weshalb der Ochsen auch Ort von Wahlkampfveranstaltungen war – mit prominenten Rednern:  „Ludwig Erhard, der Vater des Wirtschaftswunders, war da. Was viele nicht wissen: Erhard war Abgeordneter des Wahlkreises Ulm“, erzählt Strehle, „und natürlich war der spätere Verteidigungsminister Manfred Wörner Gast im Ochsen, unser damaliger Göppinger Abgeordneter.“

Angesichts dieser großen Tradition bedaure er, dass nun im Ochsen der Betrieb zu Ende gehe, „der Steffen hat daraus wieder was richtig Tolles gemacht. Für einen kleinen Ort wie Waldhausen war die Gaststätte außerdem für den Tourismus wichtig, zusammen mit unserem Stadelcafé waren wir super aufgestellt. Aber natürlich kann ich auch Steffens Beweggründe nachvollziehen.“

Für Lohrmann, den gebürtigen Waldhausener und Wahl-Eybacher, ist indes klar: „Ich werde viele schöne Erinnerungen an die vergangenen zehn Jahre mitnehmen, an die vielen Feste – Hochzeiten, Jubiläen, Geburtstage, Konfirmationen – die bei uns gefeiert wurden“, sagt er. „Aber die schönste Erinnerung wird bleiben, dass mein Konzept aufgegangen ist, wir waren ja Einsteiger als selbstständige Gastronomen. Da scheitern viele frühzeitig, weil sie die Aufgabe unterschätzen.“

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