Es war um kurz vor Mitternacht im Juli 2006, als eine 16-Jährige beim Ebersbacher Bahnhof von einem Unbekannten von hinten zu Boden gerissen und anschließend vergewaltigt wurde. Der Täter flüchtete und konnte nicht gefasst werden. Erst Jahre später half moderne Kriminaltechnik den Ermittlern.

Ein 18-Jähriger war 2009 wegen Vergewaltigung zu vier Jahren und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt worden - und wurde nach der Urteilsverkündung wegen verminderter Schuldfähigkeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Ein Gutachter hatte eine psychische Erkrankung festgestellt. Routinemäßig war dem Angeklagten eine Speichelprobe entnommen worden, die mit der DNA-Datenbank des Landeskriminalamts abgeglichen wurde. Die Probe erwies sich als Treffer. Die Stuttgarter Kriminaltechniker konnten dem jungen Mann nachweisen, auch für die Vergewaltigung beim Ebersbacher Bahnhof verantwortlich zu sein. Der Fall aus dem Jahr 2006 sollte jetzt vor dem Ulmer Landgericht verhandelt werden. Doch das Verfahren vor der 6. Großen Jugendkammer ist gegen Auflagen eingestellt worden.

Stefan Adamski, Sprecher des Landgerichts, berichtet, dass gegen den 20-Jährigen bereits ein Ausweisungsverfahren laufe, dieser allerdings Rechtsmittel dagegen eingelegt habe. "Er gibt zu Protokoll, dass er sein Rechtsmittel gegen die Ausweisung zurücknimmt, dafür wird das Verfahren eingestellt."

Im Klartext: Der Mann wird in die Türkei ausgewiesen; dafür entgeht er einer neuerlichen Verurteilung und muss seine Reststrafe auch nicht absitzen. Diese Zeit hätte er nämlich vermutlich im Gefängnis verbringen müssen. Im aktuellen Verfahren hatte ein psychiatrischer Sachverständiger nach Adamskis Worten festgestellt, dass der Türke "mitnichten" psychisch krank sei. Demnach hat ihn also offenbar ein Fehlgutachten vor der Haftanstalt bewahrt und dafür gesorgt, dass er in der Psychiatrie untergebracht wurde. Würde es nun nicht den Deal geben, hätte er aber keine weitaus höhere Strafe zu erwarten gehabt, weil eine Gesamtstrafe gebildet worden wäre. Adamski: "Wegen Anrechnung der alten Strafe wäre da nicht mehr viel rausgekommen."

Sollte der Mann wieder illegal nach Deutschland einreisen, müsste er die Reststrafe verbüßen und das Verfahren würde wieder aufgerollt. "Im Moment wird versucht, ihn bei entfernten Verwandten in der Türkei unterzubringen", sagt Adamski. Der junge Mann ist in Deutschland geboren, hat aber nie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Diese hätte ihn vor der Abschiebung bewahrt, aber gleichzeitig auch Gefängnis bedeutet.