Bad Ditzenbach „Überall stinkt es nach Pulver und Kanonen“

Hakenbüchse aus der Rüstkammer der Burg Runkelstein bei Bozen in Südtirol
Hakenbüchse aus der Rüstkammer der Burg Runkelstein bei Bozen in Südtirol © Foto: Reinhard Rademacher
REINHARD RADEMACHER 16.09.2016
Die Grafen von Helfenstein waren im 14. und 15. Jahrhundert gezwungen, ihre Hiltenburg gegen Belagerungen und Angriffe mit neuen Waffen zu sichern.

1518 berichtete der Reichsritter Ulrich von Hutten, dass es in seinem Stammsitz Steckelburg überall nach Pech, Schwefel, Pulver und Kanonen stank. Die Erfindung von Handfeuerwaffen und Kanonen führte seit dem späten Mittelalter zu völlig neuen Taktiken und Formen der Kriegsführung.

Die hochmittelalterlichen Burgen waren verwundbar geworden. Sie besaßen zwar mächtige Mauern, aber der Durchschlagkraft weit reichender Kanonen hatten sie nur wenig entgegenzusetzen. Zur Zeit Kaiser Maximilians I. wurden bereits bis zu drei Tonnen schwere Hauptbüchsen, Scharfmetzen und Kartaunen als Belagerungsgeschütze eingesetzt.

Auch die Grafen von Helfenstein waren im 14. und 15. Jahrhundert gezwungen, ihre Hiltenburg gegen Belagerungen und Angriffe mit diesen neuen Waffen zu sichern. Die alte Wehrmauer wurde durch einen zweiten Mauerring ergänzt.

Im Nordosten und im Südwesten entstanden zwei mächtige Vorwerke mit Geschütztürmen und Schießscharten für Feuerwaffen. Aus einer neu entdeckten Inventarliste von 1514 geht hervor, dass man in zwei Kellergewölben Pulver und Säcke mit Blei aufbewahrte. Auch wird berichtet, dass zur Bewaffnung der Burg  Hakenbüchsen, Schlangenbüchsen und fahrbare Kanonen gehörten.

„Hacken Bixen“ waren etwa ein Meter lange Handfeuerwaffen, die man mithilfe eines Hakens in der Wehrmauer fixieren und so den gewaltigen Rückstoß abfangen konnte. Zu den mobilen Geschützen auf der Burg zählte eine „Karren Bix“ mit vierrädrigem Unterbau. Der verhängnisvolle „Ehrenschuss“ für Herzog Ulrich von Württemberg, der 1516 zur Zerstörung der Hiltenburg führte, wurde von einer „Schlangen Bix“ abgefeuert. Solche Falkonette waren auf zweirädrigen Lafetten montiert, die schnelle Standortwechsel ermöglichten.

Die kleinkalibrige Eisenkugel traf fatalerweise ein Gosbacher Wirtshaus, in dem angeblich der Herzog mit seiner Begleitung gerade beim Frühstück saß. Das mögliche „Corpus Delicti“ wird noch heute in der Dorfmetzgerei aufbewahrt. Ein Duplikat ist in der  Dauerausstellung „Geschichte im Turm“ auf der Hiltenburg zu besichtigen. Bei den archäologischen Untersuchungen hat die Kreisarchäologie Göppingen zwei Kanonenkugeln aus Stein geborgen. Eine dieser Kugeln hat einen Durchmesser von 25 Zentimetern und kann als Beleg für die Existenz auch eines großkalibrigen Geschützes auf der Burg gelten.

Die zweite Kugel gehörte mit einem Durchmesser von nur sechs Zentimetern zu den Geschossen für eine der kleinen Kanonen. Aus den bis heute ausgewerteten Schriftquellen ergeben sich keine Anhaltspunkte für Belagerungen und Beschießungen der Hiltenburg. Die kampflose Übergabe der gräflichen Residenz auf dem Schlossberg konnte die „Wutherey“ des Herzogs Ulrich von Württemberg jedoch nicht lindern. Er ließ die Residenz der Grafen von Helfenstein durch seinen Hauptmann Peter von Seyssen in der Nacht vom 9. auf den 10. November einfach anzünden.

Appetithäppchen

In loser Folge veröffentlichen wir an dieser Stelle „Appetithäppchen“ aus der Ausstellung „Wutherey“ – Die Zerstörung der Hilteburg 1516, die zurzeit im Haus des Gastes in Bad Ditzenbach zu sehen ist. Jeden Sonntag werden um 15 Uhr öffentliche Führungen angeboten.