Auftritt „Strom & Wasser“ rüttelt das Rätsche-Publikum auf

Das Konzert von „Strom & Wasser“ in der Rätsche zählt zur Aktion „Eine Million gegen Rechts“, mit der die Band Spenden für selbst verwaltete Jugendhäuser sammelt. Dafür ging am Abend der Stiefel herum.
Das Konzert von „Strom & Wasser“ in der Rätsche zählt zur Aktion „Eine Million gegen Rechts“, mit der die Band Spenden für selbst verwaltete Jugendhäuser sammelt. Dafür ging am Abend der Stiefel herum. © Foto: Brigitte Scheiffele
Geislingen / Brigitte Scheiffele 21.01.2019

Gänsehaut! Kampfgeist! Begeisterung! Auf der Bühne steht Liedermacher Heinz Ratz und packt sein Publikum beim Konzert am Freitag in der Geislinger Rätsche mit schwer verdaulichen Songs. Seine Texte bohren sich ungnädig in klaffende, gesellschaftliche Wunden. Auch musikalisch fesselt er sein Publikum in wildester Art mit seiner Band „Strom & Wasser“. Berichte von seinen Konzerten aus Regionen, in denen die Demokratie in der Defensive ist, sind erschütternd. Der Liedermacher und Bandchef thematisiert klare Abgrenzung gegen Rassismus und rechte Umtriebe. „Strom & Wasser“ rütteln mit ihrer Musik auf in Zeiten, in denen die AfD Wahl­erfolge feiert und sich Nationalisten weltweit vordrängen. Die Musik geht nicht nur die etwas an, die anderes als den Mainstream suchen.

Mit den Texten seiner letzten CD, so der Liedermacher, sei er der Zeit bereits 15 Jahre voraus gewesen. Schon damals habe er die aufkeimende AfD besungen, „auch, wenn die ‚Leisetreter’ selbst noch nicht wussten, wie sie mal heißen werden“. Heute habe sich das Kräfteverhältnis geändert: „Früher kamen 40 Nazis zu einer Demo, jetzt gibt es immer mehr Veranstaltungen mit Rechten in der Überzahl.“ Zu schützen seien die, die den Kampf für Demokratie führten, besonders in soziokulturellen Häusern.

Ratz ist von bestechender Präsenz und Eindringlichkeit, liefert in heiserem Bass brillante Textperlen zu einem musikalischen Stilmix von Ska, Punk, Polka, Walzer oder Rock, Latin und Reggae. Nicht fassbar, nicht einzuordnen ist diese unbändige Mischung aus Politik mit Guter- Laune-Potenz. So etwas geht tatsächlich.

„Nur gut gelaunt kann man diese Welt verbessern“, sagt Ratz. „Es gibt nämlich keinen gut gelaunten AfD-Menschen. Und Gutgelaunte wollen nicht an die Macht. Wenn ich gut gelaunt bin, will ich andere nicht beherrschen.“ Der Liedermacher appelliert ans Publikum: „Also misstraut schlecht gelaunten Typen.“

Der Totalverweigerer ohne Schulabschluss, der Weltenbummler und Musiker, steht aufrecht. Keiner hat ihn gebeugt, auch nicht das Knabenkolleg mit körperlicher Züchtigung. Er ist einer, der intellektuelle Texte macht, Authentizität spürbar lebt, durchaus biografisch geprägt. Er ist von philosophisch-anarchistischer Grundhaltung und einer, der Männer über 60 nicht mehr in der Regierung sehen will.

Ratz hält kämpferisch den Spiegel nach oben und fordert in einem Song auf der Grundlage von Plastikbergen und ökologischer Katastrophe von der „neuen Generation“: „Es muss einer kommen, der sagt, es reicht!“ Weiter: „Kinder lasst euch eure Welt nicht so versauen, es braucht nur drei, vier Kinder, um einen Großen zu verhauen.“ Ein Kampflied „aus dem Einmaleins des Herzens“ mit den Worten ans Publikum: „Bleibt kämpferisch. Und wenn ihr es mal wart, seid es wieder, denn ihr wisst ja wie es geht.“

Es geht auch sanft

Eine Gesellschaft, in der Krankenhäuser auf Gewinn und nicht auf die Gesundheit des Menschen aus seien, in der soziale Berufe schlecht bezahlt, aber Waffengeschäfte finanziell abgesichert seien, brauche Widerspruch. „Derzeit wird alles abgebaut, was in den 70er-Jahren aufgebaut wurde.“ Ratz wendet sich gegen zunehmende Verhärtung und Unmenschlichkeit in der Gesellschaft und betont musikalisch an die AfD gerichtet: „Ihr seid nicht das Volk!“

Zart und schmalzfrei kann er aber auch, so, wie in einem wunderbaren Liebeslied an die ungeliebte Geliebte mit der „Schmetterlingspost“. Weicher werden die Gesichter bei der von ihm neu komponierten deutschen Nationalhymne: „Einigkeit und Recht und Freiheit, nicht nur für das eig’ne Land. Lasst uns das noch mal versuchen, mit viel Herz und viel Verstand.“

Mit dabei ist an diesem Abend „Konrads Spezialorchester“ aus Schwäbisch Gmünd mit „moderner Volksmusik“. „Eine frohe und gut gelaunte, und deswegen politische Band“, wie Ratz sie bezeichnet. Das Trio als Vorgruppe spielt auf kleinen und großen Instrumenten, singt mehrstimmig und nimmt sich selbst nicht ganz so wichtig. Sympathisch, skurril und mit „vollem Risiko“ warben auch sie für die Aktion „Eine Million gegen Rechts“.

Eine Million Euro sind das Ziel der Konzertreihe

Heinz Ratz stellt mit der Band „Strom & Wasser“ die neue CD vor und will mit 100 Konzerten in 100 Städten eine Million Euro Spenden sammeln. Auch das Rätsche-Publikum füllte einen Stiefel mit Scheinen. Mit dem Geld sollen selbst verwaltete Jugendhäuser und soziokulturelle Zentren in Brandenburg, Thüringen und Sachsen unterstützt werden. Deren Existenz sei durch rechtspopulistische Mehrheiten auf kommunaler Ebene gefährdet. Kontakt: „thedone@gmx.net“  oder ☎ (07366) 922 31 00.

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