Geislingen "Keine Liebesheirat"

Der "Baach": Die Rohrach ist die Markungsgrenze zwischen Altenstadt und Geislingen. Das "Nel Mezzo" (rechts) soll eine Verbindung schaffen. Foto: son
Der "Baach": Die Rohrach ist die Markungsgrenze zwischen Altenstadt und Geislingen. Das "Nel Mezzo" (rechts) soll eine Verbindung schaffen. Foto: son
Geislingen / RODERICH SCHMAUZ 31.03.2012
So ändern sich die Zeiten: Auf den Tag genau morgen vor 100 Jahren ist die aus den Nähten platzende ländliche Wohngemeinde Altenstadt in die boomende Industriestadt Geislingen eingemeindet worden.

Auf 1. April 1912 gelang es Altenstadt nach zehnjährigen zähen Verhandlungen, nach Geislingen eingegliedert zu werden. Von ihrem Siedlungsgebiet her betrachtet waren die beiden bis dato selbstständigen Gemeinden nahezu zusammengewachsen. Denn beide Orte hatten sich seit 1850, nach Eröffnung der Bahnverbindung über die Geislinger Steige, rasant entwickelt. Die von Handwerkern und Händlern geprägte Oberamtsstadt Geislingen erlebte ihre "zweite Stadtgründung" - neue Firmen wie die Maschinenfabrik und die spätere WMF entstanden und wurden zu prosperierenden Unternehmen. Das Portlandzementwerk kam ebenso hinzu wie das Albwerk, auch die SBI. Viele Arbeitskräfte wurden benötigt, Platz für Siedlungsflächen für die zuziehenden Arbeiter vor allem von der Alb und aus dem Täle bot Altenstadt. Die Einwohnerzahl dieser noch sehr ländlich geprägten Gemeinde, in der ursprünglich Bauern und arme Weber dominierten, wuchs und wuchs in schnellem Tempo. Die Steuereinnahmen aus den Firmen kassierte Geislingen, für die Wohninfrastruktur musste Altenstadt sorgen - diese Rechnung ging nicht auf, weshalb sich das verschuldete Altenstadt um die Eingemeindung bemühte. Nach dem ersten Vorstoß 1895 war es 1912 endlich so weit.

"Eine Liebesheirat war die Vereinigung von Geislingen und Altenstadt nicht, viel eher eine Vernunftehe", stellt Karlheinz Bauer in Band 2 (Seite 415) seiner "Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige" fest. Auch in den folgenden Jahrzehnten sei die Bevölkerung der beiden Stadtteile "nicht zu einer echten städtischen Gemeinschaft zusammengewachsen", die Gegensätze seien immer "stark emotional bestimmt" gewesen. Lange nachgewirkt hat der Satz des Geislingers Eduard Deschler aus den Jahren, als um die Eingemeindung gestritten wurde: "Dr Baach soll uns ewig trenne!" Gemeint war damit die Rohrach, welche die Markungsgrenze bezeichnete. In herzlicher Abneigung prügelte sich die Dorfjugend, wobei die "Schlacht bei den Schwärzwiesen" in die Annalen einging.

"Mir Geislenger" - "oos Aldaschdeddr": Dieser Gegensatz hatte lange Bestand. Doch konstatiert Bauer Anfang der 70er Jahre in seiner Stadtgeschichte auch: "Durch die erheblichen Bevölkerungsbewegungen und -verschiebungen der letzten Jahrzehnte verflachen diese Unterschiede zusehends."