Geislingen „Kam mir vor wie eine Fata Morgana“

Geislingen / Eva Heer 29.06.2018
Sybille Eberhardts neu erschienenes Buch „Als das Boot zur Galeere wurde“ arbeitet detailliert die Geschichte des KZ-Außenlagers an Zeitzeugenprotokollen von 18 polnischen Jüdinnen auf.

In Holzschuhen, barfuß oder mit Lumpen an den Füßen,  unterernährt, frierend, misshandelt, kahlgeschoren. Gedemütigt und zu einer Nummer auf der gestreiften Häftlingskleidung aus Teerpappe degradiert. So marschieren Frauen und Mädchen  im Winter 1944/45 vom Barackenlager in der Geislinger Heidenheimer Straße zum Werksgelände der WMF. Eine Zeitzeugin, Mila Karp, erinnert sich später: „Während wir so gingen, sahen wir die kleinen Häuser (...). Drei SS-Frauen gingen auf jeder Seite von uns als Begleitung... Ich sah die Häuschen mit Vorhängen und Blumen und ich fragte mich: Warum  ist jetzt alles so? (...) Auf dem Rückweg sahen wir spielende Kinder – es kam mir vor wie eine Fata Morgana“.

Die Geschichte des KZ-Außenlagers in Geislingen – von August 1944 bis April 1945 waren dort 820 Frauen und Mädchen, die in der WMF Zwangsarbeit leisteten, interniert  – beleuchtet eine neu erschienene  Dokumentation der Autorin Sybille Eberhardt aus Rechberghausen. In ihrer jüngst erschienenen Publikation „Als das Boot zur Galeere wurde...“ begleitet die Autorin 18 Jüdinnen aus Lodz über die Lager Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen bis nach Geislingen.

Eine akribische, detaillierte Aufarbeitung mit Originalzitaten, für die Sybille Eberhardt  drei Jahre in Archiven in Polen und Deutschland recherchiert, zahlreiche Zeitzeugenprotokolle ausgewertet hat. Ein weiterer, wichtiger Schritt zur Aufarbeitung dieses lange verdrängten Kapitels der Geislinger Stadtgeschichte.

Sybille Eberhardt zeichnet das Lagerleben als Szenario aus Hunger, Kälte, Angst, willkürlicher Gewalt, dem völligen Fehlen jeden menschlichen Mitgefühls seitens des als sadistisch beschriebenen Lagerpersonals.

Brutale Willkür

Ausführlich befasst sie sich mit dem Kapo-System im Lager, mit der brutalen Willkür ausgewählter deutscher weiblicher Mitgefangener, die mit besonderen Rechten ausgestattet wurden und die Mädchen und Frauen schwer misshandelten.

Die damals 14-jährige Mila Karp erinnert sich in einer späteren Aufzeichnung an die Gewalt der gefürchteten Kapo-Frau Klara Pförtsch, genannt „Leo“. Das Mädchen war zu krank und geschwächt, um zum Zählappell zu erscheinen. Zur Strafe schlug „Leo“ mit der Faust auf sie ein: „Sie hat mich beinahe drei bis vier Stunden geschlagen. Sie hat diesen Knochen in meinem Gesicht gebrochen (...). Sie hat mein Gesicht zertrümmert“.

Diese Brutalität, auch die der zu SS-Aufseherinnen aufgestiegenen WMF-Hilfsarbeiterinnen, sagt Sybille Eberhardt, sei ein ihr bis heute vollkommen unverständliches Verhalten. „Sie waren ja im gleichen Alter wie ihre Opfer und haben oft selbst am eigenen Leib willkürliche Gewalt erfahren.“

Eberhardt, Realschullehrerin im Ruhestand, 1945 in Geislingen geboren, in Salach aufgewachsen, publiziert seit vielen Jahren über lokalhistorische Themen, unter anderem in Veröffentlichungen des Göppinger Geschichts- und Altertumsvereins.

In ihrem nun zweiten im Manuela Kinzel Verlag erschienenen Buch ordnet die Autorin ihre Recherchen, Zitate und Quellenfunde behutsam in den Gesamtzusammenhang ein, interpretiert das Gefundene einfühlsam, aber in schonungsloser Offenheit. So, dass sich dem Leser ein umfassendes Bild der Zustände des Geislinger Lagers und dem Arbeitsumfeld in der WMF erschließt –  ein Bild des Grauens.

Den Anstoß, das Buch zu schreiben, habe die Transportliste gegeben, die das Gingener Ehepaar Rosemarie und Hermann Schneider 2015 im Digital-Archiv der jüdischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gefunden haben, erzählt die Autorin. Erst dadurch haben die Häftlinge, von denen bis dahin nur Nummern bekannt waren, Namen und somit Lebensgeschichten bekommen.

Nutznießer der Zwangslage

In einem Exkurs zeigt Sybille Eberhardt den Wandel der WMF. Zunächst – Anfang der 1930er Jahre – noch von den Nazis wegen der jüdischen Kundschaft des Unternehmens angefeindet, geriet die Geislinger Firma ab 1938 zum „Nutznießer der Zwangslage der Juden“. Und schließlich, ab 1941,  zu einem expandieren Rüstungsunternehmen im Dienste des Nazi-Regimes.

Die Männer waren eingezogen, Arbeitskräfte rar, so „sah man sich schließlich gezwungen, die einzige verbliebene Quelle für Arbeitskräfte anzuzapfen, die Konzentrationslager“.

Die ab August 1944 aus Ungarn und Polen nach Geislingen deportierten jüdischen Frauen mussten in Zwölfstunden-Schichten Schwerstarbeit in der Presserei verrichten. Arbeit, die dort noch nie zuvor von Frauen geleistet worden war.  Die Geschäftsleitung machte erbarmungslos klar: Wird die geforderte Leistung nicht gebracht, werden die Frauen unverzüglich nach Auschwitz abgeschoben. Das Todesurteil.

Trotz der schweren Arbeit meldeten sich viele der Häftlinge zum Sonntagsdienst in der Fabrik. Die Schikanen des Lagerpersonals und die Demütigungen empfanden sie als weitaus schlimmer. Etwa wenn sich „Einwohner der Stadt beim Lagertor versammelten, um uns elende Häftlingsfrauen anzuschauen“, wie sich die ungarische Jüdin Mina Elefant erinnert. „Viele lachten, es waren aber auch solche, welche Mitleid mit uns hatten“.

Erinnern ist elementar

Das Buch endet im Nachwort mit der E-Mail von Jeremy Nesoff aus Massachusetts,  dem Enkel von Minia Moszenberg, die in Geislingen inhaftiert war. Sybille Eberhardt hat aufgrund der 2015 bekannt gewordenen Namen auf der Transportliste Kontakt mit ihm aufnehmen können. Die Nachricht belegt, wie elementar auch über 70 Jahre nach Kriegsende die Aufarbeitung und das Erinnern für die Nachkommen ist: „Eines Tages möchte ich Geislingen besuchen, um mit eigenen Augen auch diesen Lebensabschnitt meiner Großmutter kennenzulernen, ihren Namen auf der Gedenktafel zu lesen und die Stolperschwelle zu sehen (...)“.

Info Sybille Eberhardt: „Als das Boot zur Galeere wurde...“ Manuela Kinzel Verlag, Göppingen, 2018, 500 Seiten, 19 Euro. (Das Wort „Boot“ im Titel nimmt Bezug auf den Ort, in dem die 18 deportierten Mädchen und Frauen gelebt haben: Boot heißt im Polnischen Lodz.)

Zwangsarbeit in Geislingen

Das Geislinger KZ wurde als Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler errichtet, um der WMF Arbeitskräfte für die Kriegsproduktion zuzuführen.
Hilfsarbeiterinnen der WMF wurden in einem „Schnellkurs“ in Ravensbrück zu SS-Aufseherinnen ausgebildet.
In der Fabrik schuf man einen abgetrennten Bereich mit zugemauerten Türen für die Zwangsarbeiterinnen, Jüdinnen  aus Polen und Ungarn.
Die Frauen sind im April 1945, kurz vor Einmarsch der Amerikaner, „evakuiert“ und auf sogenannte Todesmärsche geschickt worden. In Allach, wo sich ein Außenlager des KZ Dachau befand, haben amerikanische Truppen sie befreit.
Menschen aus Geislingen und Umgebung bemühen sich seit Jahren um  Aufarbeitung. Unter anderem hat  der Künstler Gunter Demnig 2015 als sichtbares Zeichen eine Stolperschwelle in der Eberhardstraße verlegt, entlang dem  Weg der Frauen vom Lager zur WMF.

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