Geislingen "Für Geislingen ist es besonders schwierig"

Geislingen / KATHRIN BULLING 28.11.2015
Rund 420 Asylbewerber leben zurzeit in Geislingen. Wie es ihnen geht und wie Bürger, Ehrenamtliche und Verwaltung mit der Situation umgehen, berichtet Wolfgang Nordmann, Koordinator des Arbeitskreises Asyl.

Herr Nordmann, als Koordinator des Arbeitskreises Asyl haben Sie einen guten Überblick über die Flüchtlingssituation in Geislingen. Wie geht es den Asylbewerbern in der Stadt?

WOLFGANG NORDMANN: Den besten Überblick haben natürlich die hauptamtlichen Betreuer. Was ich aber sehe, ist: Die Menschen, die in die Container umziehen konnten, fühlen sich dort sehr wohl. Sie haben ihr eigenes Zimmerchen, da gibt es jetzt mehr Privatsphäre. In der Halle ist es im Grunde aber auch nicht schlecht. Wenn man die Zustände in anderen Städten sieht, ist das hier ja noch Gold.

Das Zusammenleben funktioniert?

Man muss sagen, dass wir am Anfang in der Wölkhalle eine recht unproblematische Zusammenstellung mit vielen Familien hatten. Jetzt sind dort viele junge Männer untergebracht - das ist natürlich eher mal das Potenzial für eine Schlägerei, das muss man ganz klar sagen. Es ist aber bisher nichts Auffälliges passiert. Auch das Verhältnis zur Berufsschule ist gut. Anfangs herrschten große Ängste, wie das funktionieren kann, aber mittlerweile gibt es viele Aktionen zusammen mit den Flüchtlingen.

Es ist enorm, was seit dem Sommer auf Geislingen zugekommen ist. Sie selbst jonglieren mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Helfern und müssen oft auf neue Flüchtlingszahlen reagieren. Wissen Sie noch, wo Ihnen der Kopf steht?

Es gibt schon Nächte, in denen ich aufwache und meine Gedanken um den Arbeitskreis und die Flüchtlinge kreisen. Es ist anstrengend, alles unter einen Hut zu bekommen. Die Ehrenamtlichen haben ganz unterschiedliche Motive, unterschiedliche Herangehensweisen - da muss man schauen, wie man sich zusammenrauft. Vor allem, seit wir nach den Sommerferien gesagt haben, dass wir uns im Arbeitskreis neu strukturieren müssen, damit nicht mehr so viel parallel läuft. Sie müssen sehen, dass wir anfangs 20 Helfer hatten. Seit der Informationsveranstaltung in der Jahnhalle ist die Zahl auf 60, 70 hochgeschnellt. Wir haben jetzt Arbeitsgruppen geschaffen, die selbstverantwortlich arbeiten - anders geht es nicht, denn man kann nicht alles von oben steuern.

Was die Flüchtlingsarbeit angeht, ist in Geislingen in den vergangenen Jahren viel entstanden.

Wichtig ist mir, dass wir alle an einem Strang ziehen, schließlich wollen wir alle den Flüchtlingen helfen. Ich sehe mich übrigens ganz und gar nicht als den Ober-Guru für Asylfragen, das sind ganz viele Menschen, die sich engagieren. Der Arbeitskreis sollte ein selbsttragendes Netz sein - das ist für mich das Verständnis einer demokratischen Selbstorganisation von Freiwilligenarbeit.

Die Ehrenamtlichen übernehmen eine ganz schön verantwortungsvolle Aufgabe. Wie schaffen Sie und Ihr Team das?

Wir tun ehrenamtlich, was wir in Absprache mit den Hauptamtlichen verantworten können. Es ist insgesamt für die Hauptamtlichen wie für die Freiwilligen wirklich schwierig. Wie schwierig, lässt sich schon an dem Verhältnis Sozialbetreuer - Flüchtlinge ablesen. Die Norm ist eigentlich, dass sich ein Sozialbetreuer um rund 120 Personen kümmert. Hier haben wir aber zum Teil das Doppelte. Das zeigt sofort, was los ist. Eine gewisse Entlastung ist es, dass Geislingen nicht mehr Umschlagplatz für die Flüchtlinge im Landkreis Göppingen ist. Die wurden bisher einfach von der Landeserstaufnahmestelle nach Geislingen geschickt.

Und Sie werden überrumpelt.

Vor ein paar Wochen hatten wir beispielsweise einen richtig chaotischen Freitag: Da kamen auf einen Schlag 150 Leute an, die dann alle vor der Wölkhalle auf ihren Koffern saßen. Es war nichts organisiert: Weder wir, noch die Sozialbetreuer wussten, wer da kommt, wann und wie viele. Das Landratsamt konnte da auch nichts dafür. Ich bin erst mal los und habe das halbe Auto voll Wasser geladen. Dann habe ich beim Türken Fladenbrot, Hummus und Oliven gekauft - und die Leute waren ganz happy. Das Schlimmste war aber, dass die Aufnahmestelle einfach Mütter mit ein paar Tage alten Kindern mitgeschickt hat. Eine der Frauen war so am Ende, die musste gleich ins Krankenhaus. Was die Menschenwürde angeht, war das meines Erachtens grenzwertig. Da hat man schon das Gefühl, das ist nicht korrekt.

Sie sagen, die Landkreisverwaltung kann nichts für solche Situationen - aber es kann doch nicht sein, dass es an Ihnen hängt, ob neu angekommene Flüchtlinge mit Getränken versorgt werden. Macht Sie das nicht wütend?

Nein. In dem Fall habe ich halt gesehen, was getan werden muss, und das macht man dann. Die Mitarbeiter des Landratsamtes stehen zurzeit total auf dem Schlauch und machen das Beste aus der Situation. Und ich glaube, sie machen es nicht schlecht. Das läuft andernorts sicher schlechter als hier. Es ist nun mal so, dass sich der Staat neue Sozialarbeiter nicht schnitzen kann; der Markt ist leergefegt. Ich finde, es ist toll, was die Ämter leisten, da hat sich einiges enorm verbessert: Dass sie flexibler geworden sind, dass schneller reagiert wird und dass man überhaupt bereit ist, dem Chaos zu begegnen. Das ist nichts, was die deutsche Bürokratie gelernt hat. Unterm Strich ist mein Eindruck schon, dass sich was tut. Auch, dass man die Kooperation mit den Freiwilligen schätzt.

Die Kreisverwaltung steht aber enorm unter Druck und tut sich sehr schwer, die Flüchtlinge unterzubringen. Und dass die Wölkhalle noch immer für den Sport gesperrt ist, gefällt nicht jedem.

Der Landkreis hat natürlich seine eigenen Gebäude genommen - es war völlig klar, dass er dazu berechtigt und verpflichtet ist. In Göppingen hat man jetzt sogar die Turnhalle an der Öde dazugenommen, die eigentlich eine Unterkunft für Katastrophenfälle ist. Die Situation ist angespannt, und ich finde, man muss das Thema Gerechtigkeit ansprechen. Es gibt eben im Landkreis Kommunen, die nicht richtig mitziehen. Das Problem ist nicht das Landratsamt, sondern es sind jene Gemeinden, in denen sich das Bewusstsein nur sehr langsam entwickelt, dass man selbst auch was tun muss. Klar, manche haben keine Räume, aber ich bin überzeugt, es gibt auch in der Privatwirtschaft leer stehende Gebäude, die man nutzen könnte. Ich glaube, dass man bisher nicht alles gecheckt hat, was möglich wäre.

Wie beurteilen Sie die Rolle Geislingens, was die Aufnahmebereitschaft betrifft?

Geislingen ist ein freundlicher Ort für die Flüchtlinge. Das sehe ich sehr positiv. Aus der Bevölkerung kommt sehr viel Zuspruch. OB Dehmer ist total konstruktiv und hat eine wunderbare Ruhe drauf. Mit den beiden Dekanen der Kirchen ist das ein tolles Trio, das ganz klar dazu steht: Wir müssen Flüchtlinge aufnehmen und uns um sie kümmern. In dem Sinne habe ich auch die Hoffnung, dass die Lage in Geislingen ruhig bleibt - das muss nicht aus dem Ruder laufen.

Allerdings muss man schon aufpassen, dass man die Hilfsbereitschaft der Bürger nicht überstrapaziert. Nur weil hier Aufnahmebereitschaft herrscht, heißt das nicht, dass man reinschicken kann, was geht. An dem Punkt habe ich ein bisschen Sorge. Dass die Wölkhalle weiter genutzt wird, zeigt ja, dass es an Entlastung an anderer Stelle fehlt.Und man darf nicht vergessen: Für eine Stadt wie Geislingen, die finanziell in der Krise ist, ist eine zu große Zahl geflüchteter Menschen besonders schwierig - da fehlt die wirtschaftliche Kraft. Es tut der Stadt sicher gut, dass sie Zuwachs kriegt, aber es darf ja nicht ein Konkurrieren um die Arbeitsplätze entstehen.

Nun wird aber die Zahl der Flüchtlinge erst mal nicht von alleine zurückgehen.

Das wird man sehen. Es spricht sich vielleicht herum, dass es in Deutschland nicht so gemütlich ist, wenn zu viele Flüchtlinge kommen, genau so, wie es sich herumgesprochen hat, dass man hierher kommen kann. Dass das jetzt so läuft, ist letztlich ein Versäumnis von Teilen der Politiker, die sich gesträubt haben, bis zum Jahr 2000 von einem Einwanderungsland zu reden. Wenn wir ein Einwanderungsgesetz hätten, dann würde jetzt nicht jeder mit dem Ticket Asyl reisen. Das ist für mich das zentrale Problem. Angela Merkel hat recht damit, wenn sie sagt, dass wir Asyl nicht begrenzen können. Einwanderung können wir aber schon begrenzen, indem wir Kriterien aufstellen - das machen andere Länder ja auch, und das ist in Ordnung.

Die Situation wird sich wieder entspannen. Die Rückführungen werden zunehmen; immer mehr Menschen werden freiwillig in ihre Länder zurückgehen, das beobachten wir jetzt schon. Und vor allem kommt dann die nächste Phase, wenn die Leute, die anerkannt sind, ihre Wohnung und ihren festen Sprachkurs bekommen. Eine Sozialbetreuung gibt es dann allerdings nicht mehr für sie.

Ohne weitere Unterstützung wird es aber schwierig.

Richtig. Da braucht es einen Mix an Maßnahmen, sonst gibt es eine Überforderung der Gesellschaft. Mit warmen Worten ist es nicht getan, das mühsame Geschäft folgt ja erst noch: Damit es wirklich funktioniert, müssen die Leute die Sprache lernen, eine Ausbildung bekommen, in die Gesellschaft integriert werden. Das Letzte, was wir wollen, sind neue Ghettos, die ein Eigenleben entwickeln und zu denen man keinen Zugang hat. Die Prävention beginnt mit der Ankunft: Sprache, Kontakte und das Kennenlernen der Kultur sind wichtig.

Was erwarten Sie von der Politik?

Die Flüchtlingssituation hat einen enorm komplexen Hintergrund: Da spielt die unzureichende Entwicklungspolitik eine große Rolle, der ungerechte Welthandel und die negative Entwicklung des Kapitalismus'. Wenn es zum Lebensprinzip wird, andere zu überholen und besser zu sein, dann leiden die Schwächeren darunter. Das gibt sozialen Sprengstoff, und wir landen bei den Idioten von Pegida und so weiter. Wir schaffen ja erst diese Flüchtlinge - keiner hat gedacht, dass die Leute einfach losgehen und sich ein besseres Leben suchen.

Ich finde, wenn wir eine Abwrackprämie einführen und Banken retten, dann können wir auch eine Demografieprämie einführen. Darunter verstehe ich, dass wir unsere Bevölkerung in gutem Sinne mit Ausbildung und Förderung aufstocken. Das kostet, aber es zahlt sich hinterher aus - wie ein gutes Konjunkturprogramm.

Im Endeffekt kommt es aber doch auf die Akzeptanz in der Gesellschaft an.

Ich finde, es gibt jetzt eine gewisse Offenheit und Solidarität mit den Flüchtlingen - das hat vor 20, 30 Jahren noch anders ausgesehen. Die Bundesrepublik hat sich an diesem Punkt gut entwickelt. Diese Hilfsbereitschaft sollte man nun aber nicht durch eine Politik, die Angst schürt, beschädigen. Im Moment macht man den Leuten Angst vor dem, was da kommt. So etwas zehrt an der Hilfsbereitschaft, die zum Glück noch weit verbreitet ist.

Wie ist das in Geislingen?

Ich finde, es läuft gut in der Stadt. Vor allem haben wir hier mit den vielen Migranten ein riesiges, gutes Potenzial: Dies sind alles Menschen, die erlebt haben, wie es ist, sich als Fremde in eine Gesellschaft einzuleben. Ich habe selbst fünf Jahre in Israel gelebt und weiß, wie das ist. Selbst mal Ausländer gewesen zu sein, ist kein Fehler. Das hilft, die Angst vor dem Fremden abzubauen.

Vielleicht hilft auch mal ein Besuch bei den Asylbewerbern?

Deswegen haben wir auch unsere beiden Kontakt-Cafés eingerichtet. Es ist sehr gut und wir sind dankbar, dass die Diakonie und die Rätsche als Träger fungieren und mitmachen. Die Cafés sind Begegnungsstätten für beide Seiten. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Ort, an dem die Flüchtlinge und die ehrenamtlichen Mitarbeiter untereinander sind, sondern an den wir auch Leute aus der Nachbarschaft und der ganzen Stadt herzlich einladen. Niemand braucht Angst zu haben, weil er kein Englisch kann. Das können die meisten Flüchtlinge auch nicht. Aber sie erkennen auch ohne Worte sehr gut, was derjenige im Sinn hat, der vor ihnen steht. Gespräche mit Menschen sind so wichtig. Wenn ich jemanden kenne, dann sieht die Sache gleich ganz anders aus und ich kann mir ein Bild machen. Mein Appell ist deshalb: Mit den Menschen reden, nicht über sie - das ist mir wichtig.

Zur Person

Vita Wolfgang Nordmann ist 75 Jahre alt und lebt in Bad Überkingen. Seit einem Jahr koordiniert er die Aufgaben des Arbeitskreises Asyl Geislingen. Der pensionierte evangelische Pfarrer arbeitete unter anderem als Jugendpfarrer in Tübingen und leitete fünf Jahre lang die "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" in Israel. Zuletzt war er als Pfarrer im Stuttgarter Norden tätig. SWP