Historienstück „Bisher habe ich nur mich vergiftet“

Ein Arzt platziert mit einem kleinen Messer das Sekret aus einer Pocken-Pustel im Arm eines kleinen Jungen: eine Form der Schutzimpfung, wie sie auch Dr. Rau in Geislingen praktizierte.
Ein Arzt platziert mit einem kleinen Messer das Sekret aus einer Pocken-Pustel im Arm eines kleinen Jungen: eine Form der Schutzimpfung, wie sie auch Dr. Rau in Geislingen praktizierte. © Foto: Veranstalter
Eybach / Von Bettina Verheyen 14.06.2018

Den drei Hexen passt es gar nicht, dass Ende 1721 ein gewisser Wolfgang Thomas Rau in Ulm das Licht der Welt erblickt. Als großer Arzt werde er dereinst Pocken und Cholera bezwingen, die Pest und Syphillis heilen – das wollen sie nach Kräften verhindern. Auch Gevatter Tod und Fortuna haben ein besonderes Augenmerk auf Rau gerichtet. Während für Fortuna Ärzte zum Küssen sind, die wertvollsten Gesellen, die ihr Streben nach Glück und Leben unterstützen, meint Gevatter Tod, Rauens Ende solle vorzeitig kommen. „Gute Ärzte sind mir, ganz anders als die schlechten, ein Dorn im Auge.“

Claus Bisle und Roland Funk, die Autoren der historischen Stücke mit Lokalbezug, die die Theatergruppe Obere Roggenmühle aufführt, haben die Geschichte über Rau, der 1747 die Amtsarztstelle in Geislingen übernahm, mit Allegorien und Mythen ausgeschmückt. Der Fokus des Stücks „Raue Zeiten“ liegt jedoch auf  dem historisch nachweisbaren Leben und Wirken des Arztes, in Geislingen.

Rau, der sein Medizinstudium mit einer Doktorarbeit über Muttermale abschloss, verfasste neben seiner arztpraktischen Arbeit etliche Schriften auf medizinischem Gebiet. Dank seiner Beschreibung des Röthelbads bei Geislingen wurde ihm die Aufsicht über die Heilquellen in Überkingen und Ditzenbach übertragen. Geislingens Stadtarchivar Hartmut Gruber fasst in seinen „Kurzbiografien namhafter Geislinger Persönlichkeiten aus neun Jahrhunderten“ zusammen, dass Rau Dank seiner praktischen und literarischen Tätigkeit Mitglied der „Bayrischen Akademie der Wissenschaften“ wurde, dass er in seinen Schriften immer wieder eintrete für die ärztliche Überwachung der Bevölkerung, die Kontrolle des Apothekenwesens und über hygienische Volksaufklärung. Gruber sagt über Rau: „Er war mit seinen Untersuchungen über die Verbreitung der Blattern ein Vorläufer der allgemeinen Impfung und Seuchenbekämpfung.“

Szenen eines kurzen Lebens

In über 20 Szenen stellen Bisle und Funk einzelne Stationen aus Raus kurzem Leben vor – er wurde nur 50 Jahre alt.  Am Anfang des Stücks muss sich Raus Pate, der Obervogt Raymund von Krafft, für das Wohl seines Schützlings einsetzen, dem wegen „praematurum concubitum“ (vorehelichem Geschlechtsverkehr) der „Turm und Habermusverpflegung“ drohen. Rau tritt erstmals auf, als er sich auf dem Markt in ein Streitgespräch einmischt, weil eine Kundin die Krämerin als Hexe verunglimpft – unter anderem, weil ihr „die Fäulnis der Natur“ im Gesicht stehe – ein Muttermal. In einer anderen Szene erfährt der Zuschauer von einem Geislinger Bürger, dass er gegen den jungen Neuling Rau geklagt hat, weil „er allein ... Schuld am Tod meines Eheweibs samt dem kaum geborenen Kinde“ sein soll.

Geschickt nehmen die Autoren Bezug darauf, dass sich Rau und Christian Friedrich Daniel Schubart gekannt haben und beide dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen sind. Das ermöglichte ihnen, lebhafte Wirtshausdiskussionen und genervte Dialoge der Ehefrauen ins Stück einfließen zu lassen. Und auch der Nachtwächter mit Wiener Dialekt aus dem Schubart-Stück der Theatergruppe ist wieder mit dabei. Im „Gasthaus zum weißen Ross“ erläutert Rau seinen Zuhörern, das Prinzip der Schutzimpfung, das Lady Mantaque in England einführte, und dass er, Rau, gesunden Menschen auch die Pocken einimpfe. Schubart kommentiert das entsetzt: „Ihr vergiftet Menschen mit Pocken, Ihr als Arzt!“ Worauf Rau seinen Hemdsärmel hochzieht und ihm seine Pockennarbe zeigt: „Bisher habe ich nur mich vergiftet.“

Für treue Zuschauer wird mit „Raue Zeiten“ ein weiteres Kapitel der Geislinger Geschichte und ein nicht unmaßgebliches Kapitel der Medizin-Geschichte lebendig.

„Raue Zeiten“: ein Stück Geislinger Geschichte

Aufführungstermine Freitag, 22. und Samstag, 23. Juni. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr.

Aufführungsort Zelt vor der Oberen Roggenmühle bei Eybach.

Kartenvorverkauf: Apotheke im Nel Mezzo, Buchhandlung Ziegler, Gaststätte Obere Roggenmühle.

Darsteller: Bei dem Stück aus der Feder von Claus Bisle und Roland Funk wirken insgesamt 21 Laienschauspieler mit, auch der Theaternachwuchs hat wieder Rollen bekommen. Die Titelrolle, Dr. Rau, spielt Roland Funk.

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